106 Nomancero — Letzte Gedichte.
IS.
.Helena.
Du hast mich beschworen auS dein GrabDurch deinen Zanbcrwillen,
Belebtest mich mit Wollustglut —
Jetzt kannst du die Glut nicht stillen.
Preß deinen Mund an meinen Mund,Der Menschen Odem ist göttlich!
Ich trinke deine Seele ans,
Die Toten sind unersättlich.
20.
VöscS Gctränmc.
Im Traume war ich wieder jung und munter --Es war das Landhans, hoch am Bergesrand,Wcttlaufcnd lief ich dort den Pfad hinunter,Wettlaufend mit Ottilien Hand in Hand.
Wie das Pcrsvnchen fein formiert! Die süßenMeergrünen Augen zwinkern nixenhaft.
Sie steht so fest ans ihren kleinen Füßen,
Ein Bild von Zierlichkeit, vereint mit Kraft.
Der Ton der Stimme ist so treu und innig,Man glaubt zu schann bis in der Seele Grund;lind alles, was sie spricht, ist klug und sinnig;Wie eine Rosenknospe ist der Mund.
Es ist nicht LiebeSwch, was mich bcschlcichet,Ich schwärme nicht, ich bleibe bei Verstand;
Doch wunderbar ihr Wesen mich erweichetUnd heimlich bebend kiiss' ich ihre Hand.
Ich glaub', am Ende brach ich eine Lilie,
Die gab ich ihr und sprach ganz laut dabei:„Heirate mich und sei mein Weib, Ottilie,
Damit ich fromm wie du und glücklich sei."
Was sie zur Antwort gab, das weiß ich nimmer,Denn ich erwachte jählings — und ich warWieder ein Kranker, der im KrankenzimmerTrostlos darniederlicgt seit manchem Jahr.