Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
242
Einzelbild herunterladen
 

242 Memoiren.

erfassend, entriß sie ihm den Raub, als er den Galgen erreicht hatteund sich ans das Gebälke desselben flüchten wollte.

Nur an Tagen, wo der Großvater sich zu einer großen Hin-richtung anschickte, kamen aus der Nachbarschaft die Kollegen zumBesuche, und dann wurde gesotten, gebraten, geschmaust, getrunken,wenig gesprochen und gar nicht gesungen. Man trank aus silbernenBechern, statt daß dem unehrlichen Freimeister oder gar seinen Frei-knechten in den Wirtshäusern, wo sie einkehrten, nur eine Kanne mithölzernem Deckel gereicht wurde, während man allen andern Gästenaus Kannen mit zinnernen Deckeln zu trinken gab. An manchenOrten wird das Glas zerbrochen, woraus der Scharfrichter getrunken;niemand spricht mit ihm, jeder vermeidet die geringste Berührung.Diese Schmach ruht auf seiner ganzen Sippschaft, weshalb auch dieScharfrichterfamilien nur untereinander heiraten.

Als Sefchen, wie sie mir erzählte, schon acht Jahr alt war, kamenan einem schönen Herbsttage eine ungewöhnliche Anzahl von Gästenaufs Gehöft des Großvaters, obgleich eben keine Hinrichtung odersonstige peinliche Amtspflicht zu vollstrecken stand. Es waren ihrerwohl über ein Dutzend, fast alle sehr alte Männchen mit eisgrauenoder kahlen Köpfchen, die unter ihren langen roten Mänteln ihrRichtschwert und ihre sonntäglichsten, aber ganz altfränkischen Kleidertrugen. Sie kamen, wie sie sagten, um zu „tagen", und wasKüche und Keller am kostbarsten besaß, ward ihnen beim Mittags-mahl aufgetischt.

Es waren die ältesten Scharfrichter auS den entferntesten Gegen-den, hatten einander lange nicht gesehen, schüttelten sich unaufhörlichdie Hände, sprachen wenig, und oft in einer geheimnisvollen Zeichen-sprache und amüsierten sich in ihrer Weise, das heißt „rnoulaisnttriotsmsnt", wie Froissart von den Engländern sagte, die nach derSchlacht bei Poitiers bankettierten.

Als die Nacht hereinbrach, schickte der Hausherr seine Knechteaus dem Hause, befahl der alten Schaffnerin, aus dem Keller dreiDutzend Flaschen seines besten Rheinweins zu holen und auf denSteintisch zu stellen, der draußen vor den großen, einen Halbkreisbildenden Eichen stand; auch die Eisenleuchter für die Kienlichter be-fahl er dort aufzustellen und endlich schickte er die Alte nebst denzwei andern Betteln mit einem Vorwande aus dem Hause. Sogaran des Hofhundes kleinem Stall, wo die Planken eine Öffnungließen, verstopfte er dieselbe mit einer Pferdedecke; der Hund wardsorgsam angekettet.

Das rote Sefchen ließ der Großvater im Hause, er gab ihr denAuftrag, den großen silbernen Pokal, worauf die Meergötter mitihren Delphinen und Muscheltrompetcn abgebildet, rein auszuschwenkenund auf den erwähnten Steintisch zu stellen, — dann aber, setzte er