Über Polen.
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Gestalten und Dinge leben, die herrlich, göttlich, höchst poetisch sind,aber nirgends existieren. Diesen phantastischen Charakter tragen alleunsere Romane, die guten und die schlechten, von der frühesten Spieß-,Crainer- und Bulpinszeit bis Arnim, Fonque, Horn, Hvffmann rc.,und dieser Nomancharakter hat viel eingewirkt ans den Volkscharakter,und wir Deutschen sind unter allen Nationen am meisten empfänglichfür Mystik, geheime Gesellschaften, Naturphilosophie, Geistcrkunde,Liebe, tinsinn und — Poesie!
Seit einigen Monaten habe ich den preußischen Teil Polens dieKreuz und die Quer durchstreift; in dem russischen Teil bin ich nichtweit gekommen, nach dem österreichischen gar nicht. Von den MenschenHab' ich sehr viele, und ans allen Teilen Polens, kennen gelernt.Diese waren freilich meistens nur Edelleute, und zwar die vornehmsten.Aber wenn auch mein Leib sich bloß in den Kreisen der höheren Ge-sellschaft, in dein Schloßbann der polnischen Großen bewegte, soschweifte der Geist doch oft auch in den Hütten des niederen Volks.Hier haben Sie den Standpunkt für die Würdigung meines Urteilsüber Polen.
Vom Äußeren des Landes wüßte ich Ihnen nicht viel Reizendesmitzuteilen. Hier sind nirgends pikante Felsengruppen, romantischeWasserfälle, Nachtigallen-Gehölze n. s. w.; hier giebt es nur weiteFlächen von Ackerland, das meistens gut ist, nnd dicke, mürrischeFichtenwälder. Polen lebt nur von Ackerbau und Viehzucht; vonFabriken nnd Industrie giebt es hier fast keine Spur. Den traurigstenAnblick geben die polnischen Dörfer: niedere Ställe von Lehm, mitdünnen Latten oder Binsen bedeckt. In diesen lebt der polnischeBauer mit seinem Vieh und seiner übrigen Familie, erfreut sich seinesDaseins nnd denkt an nichts weniger, als an die — ästhetischen Pust-kuchen. Leugnen läßt es sich indessen nicht, daß der polnische Baueroft mehr Verstand und Gefühl hat, als der deutsche Bauer in manchenLändern. Nicht selten fand ich bei dem geringsten Polen jenen ori-ginellen Witz (nicht Gemütswitz, Humor), der bei jedem Anlaß mitwunderlichem Farbenspiel hervorsprudelt und jenen schwärmerisch-sentimentalen Zug, jenes brillante Aufleuchten eines OssianischenNaturgefühls, dessen plötzliches Hervorbrechen bei leidenschaftlichenAnlässen ebenso unwillkürlich ist, wie das Jnsgcsichtsteigen des Blutes.
(Geschrieben im Herbst 1822.)