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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
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241
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Memoiren. 241

Der Mann der Göchin war der Bruder von Sefchens Vater,welcher ebenfalls Scharfrichter war, doch da derselbe früh starb, nahmdie Göchin das kleine Kind zu sich. Aber als bald darauf ihr Mannstarb und sie sich in Düsseldorf ansiedelte, übergab sie das Kind demGroßvater, welcher ebenfalls Scharfrichter war und im Westfälischenwohnte.

Hier, in dem „Freihaus", wie man die Scharfrichtern zu nennenpflegt, verharrte Sefchen bis zu ihrem vierzehnten Jahre, Ivo derGroßvater starb und die Göchin die ganz Verwaiste wieder zu sich nahm.

Durch die Unehrlichkeit ihrer Geburt führte Sefchen von ihrerKindheit bis ins Jnngfrauenalter ein vereinsamtes Leben und garauf dem Freihof ihres Großvaters war sie von allem gesellschaftlichenUmgang abgeschieden. Daher ihre Menschenscheu, ihr sensitives Zu-sammenzucken vor jeder fremden Berührung, ihr geheimnisvolles Hin-träumen, verbunden mit dem störrigsten Trutz, mit der patzigstenHalsstarrigkeit und Wildheit.

Sonderbar! sogar in ihren Träumen, wie sie mir einst gestand,lebte sie nicht mit Menschen, sondern sie träumte nur von Tieren.

In der Einsamkeit der Scharfrichter« konnte sie sich nur mitden alten Büchern des Großvaters beschäftigen, welcher letztere ihrzwar Lesen und Schreiben selbst lehrte, aber doch äußerst wortkarg war.

Manchmal war er mit seinen Knechten auf mehrere Tage ab-wesend, und das Kind blieb dann allein im Freihaus, welches naheam Hochgericht in einer waldigen Gegend sehr einsam gelegen war.Zu Hause blieben nur drei alte Weiber mit greisen Wackelköpfen, diebeständig ihre Spinnräder schnurren ließen, hüstelten, sich zankten undviel Branntwein tranken.

Besonders in Winternächten, wo der Wind draußen die altenEichen schüttelte, und der große flackernde Kamin so sonderbar heulte,ward es dem armen Sefchen sehr unheimlich im einsamen Hause;denn alsdann fürchtete man auch den Besuch der Diebe, nicht derlebenden, sondern der toten, der gehenkten, die vom Galgen sich los-gerissen und an die niederen Fensterscheiben des Hauses klopften undEinlaß verlangten, um sich ein bißchen zu wärmen. Sie schneidenso jämmerlich verfrorene Grimassen. Man kann sie nur dadurchverscheuchen, daß man ans der Eiscnkammer ein Richtschwert holt undihnen damit droht; alsdann huschen sie wie ein Wirbelwind von dannen.

Manchmal lockt sie nicht bloß das Feuer des Herdes, sondernauch die Absicht, die ihnen vom Scharfrichter gestohlenen Finger wiederzu stehlen. Hat man die Thür nicht hinlänglich verriegelt, so treibtsie auch noch im Tode das alte Diebesgelüste, und sie stehlen dieLaken aus den Schränken und Betten. Eine von den alten Frauen,die einst einen solchen Diebstahl noch zeitig bemerkte, lief dem totenDiebe nach, der im Winde daS Laken flattern ließ, und einen ZipfelHetcie's Werke. ?. Bd. 16