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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
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240 Memoiren.

ergriff, daß die Stimme der Joseph« mit der mcinigen eine so großeÄhnlichkeit hatte.

Wenn sie sprach, erschrak ich zuweilen und glaubte, mich selbstsprechen zu hören und auch ihr Gesang erinnerte mich an Träume,wo ich mich selber mit derselben Art und Weise singen hörte.

Sie wußte viele alte Volkslieder und hat vielleicht bei mir denSinn für diese Gattung geweckt, wie sie gewiß den größten Einflußauf den erwachenden Poeten übte, so daß meine ersten Gedichte der„Traumbilder", die ich bald darauf schrieb, ein düsteres und grau-sames Kolorit haben *), wie das Verhältnis, das damals seine blut-rünstigen Schatten in mein junges Leben und Denken warf.

Unter den Liedern, die Josepha sang, war ein Volkslied, das sievon der Zippel gelernt, und welches diese auch mir in meiner Kind-heit oft vorgesungen, so daß ich zwei Strophen im Gedächtnis behielt,die ich um so lieber hier mitteilen will, da ich das Gedicht in keinerder vorhandenen Volksliedersammlungcn fand. Sie lauten folgender-maßen — zuerst spricht der böse Tragig„Otilie lieb, Otilie mein,

Du wirst wohl nicht die letzte sein —

Sprich, willst du hängen am hohen Baum?

Oder willst du schwimmen im blauen See?

Oder willst du küssen das blanke Schwert,

Was der liebe Gott beschert?"

Hierauf antwortet Otilie:

„Ich will nicht hängen am hohen Baum,

Ich will nicht schwimmen im blauen See,

Ich will küssen das blanke Schwert,

Was der liebe Gott beschert!"

Als das rote Sefchen einst das Lied singend an das Ende dieserStrophe kam und ich ihr die innere Bewegung abmerkte, ward auchich so erschüttert, daß ich in ein plötzliches Weinen ausbrach, und wirfielen uns beide schluchzend in die Ärme, sprachen kein Wort, wohleine Stunde lang, während uns die Thränen aus den Augen rannenund wir uns wie durch einen Thränenschleier ansahen.

Ich bat Sefchen, mir jene Strophen aufzuschreiben, und sie thates, aber sie schrieb sie nicht mit Tinte, sondern mit ihrem Blute;das rote Autograph kam mir später abhanden, doch die Strophenblieben mir unauslöschlich im Gedächtnis.

-) In der Vorrede zu der französischen Ausgabe seiner Gedichte (vom Juni 18SS)bemerkt Heine: „Meine ersten lyrischen Produttionen finden sich in den ,Nacht-sllicken' — lden „Traumbildern" der deutschen Ausgabe) — und datieren von lSlil.Es sind die vier ersten Gedichte und sie gehörten einem Cyklns kotier Traumbilderan. Zu derselben Zeit schrieb ich ,Die beiden Grenadiere'."

"h Deutlich so im Manuskript. Vielleicht liegt, ein Schreibfehler vor.