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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
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237
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Memoiren. 287

Ihre besten Kunden waren Bierwirte, denen sie die Totenfingerverkaufte, die sie noch aus der Verlassenschaft ihres Mannes zu besitzenvorgab. Das sind Finger eines gehenkten Diebes und sie dienendazu, das Bier im Fasse wohlschmeckend zu machen und zu vermehren.Wenn man nämlich den Finger eines Gehenkten, zumal eines un-schuldig Gehenkten, an einem Bindfaden befestigt im Fasse hinabhängenläßt, so wird das Bier dadurch nicht bloß wohlschmeckender, sondernman kann aus besagtem Fasse doppelt, ja vierfach soviel zapfen, wieaus einem gewöhnlichen Fasse von gleicher Größe. Aufgeklärte Bier-wirte Pflegen ein rationaleres Mittel anzuwenden, um das Bier zuvermehren, aber es verliert dadurch an Starke.

Auch von jungen Leuten zärtlichen Herzens hatte die Meisterinviel Zuspruch und sie versah sie mit Liebestränken, denen sie in ihrercharlatnnischen Lntinitätswut, wo sie das Latein noch lateinischerklingen lassen wollte, den Namen eines Ubiltrariurns erteilte; denMann, der den Trank seiner Schonen eingab, nannte sie den ?IiU-trarius und die Dame hieß dann die UbUtrariata.

Es geschah zuweilen, daß das UUUtrarinm seine Wirkung ver-fehlte oder gar eine entgegengesetzte hervorbrachte. So hatte z. B.ein ungeliebter Bursche, der seine spröde Schöne beschwatzt hatte, mitihm eine Flasche Wein zu trinken, ein Ulriltrariarn unversehens inihr Glas gegossen und er bemerkte auch in dem Benehmen seinerUbUtrariata, sobald sie getrunken hatte, eine seltsame Veränderung,eine gewisse Bcnautigkeit, die er für den Durchbrnch einer Liebes-brnnsl hielt, und glaubte sich dem großen Momente nahe. Aber ach!als er die Errötende jetzt gewaltsam in seine Arme schloß, drang ihmein Duft in die Nase, der nicht zu den Parfümerien Amors gehört, ermerkte, daß das UbUtrarinru vielmehr als ein Uaxariurn agierte,und seine Leidenschaft ward dadurch gar widerwärtig abgekühlt.

Die Meisterin rettete den Ruf ihrer Kunst, indem sie behauptete,den unglücklichen Ubiitrarins mißverstanden und geglaubt zu haben,er wolle von seiner Liebe geheilt sein.

Besser als ihre Liebestrttnkc waren die Ratschläge, womit dieMeisterin ihre Philtrarien begleitete; sie riet nämlich immer etwasGold in der Tasche zu tragen, indem Gold sehr gesund sei und be-sonders dem Liebenden Glück bringe. Wer erinnert sich nicht hieran des ehrlichen Ingos Worte im „Othello", wenn er dem verliebtenRodrigo sagt: ,?ut nrona^ in ^onr pnrsg!"

Mit dieser großen Meisterin stand nun unsere Zippel in intimerBekanntschaft, und wenn es jetzt nicht eben mehr Liebcstränke waren,die sie hier kaufte, so nahm sie doch die Kunst der Göchin manchmalin Anspruch, wenn es galt, an einer beglückten Nebenbuhlerin, dieihren eigenen ehemaligen Schatz heiratete, sich zu rächen, indem sieihr Unfruchtbarkeit, oder dein Ungetreuen die schnödeste Entmannung