236 Memoiren.
Nebengasse befand, den Ruf seines Herrn zu vernehmen glaubte undein fröhliches J-A erschallen ließ.
Wie gesagt, die Großmutter des Jupp ist bald darauf gestorbenund zwar in dem Ruf einer Hexe, was sie gewiß nicht war, obgleichunsere Zippel steif und fest das Gegenteil behauptete.
Zippel war der Name einer noch nicht sehr alten Person, welcheeigentlich Sibille hieß, meine erste Wärterin war und auch später imHause blieb. Sie befand sich zufällig im Zimmer am Morgen dererwähnten Scene, wo die alte Flader mir so viele Lobspriiche erteilteund die Schönheit des Kindes bewunderte. Als die Zippel dieseWorte hörte, erwachte in ihr der alte Vvlkswahn, daß es den Kindernschädlich sei, wenn sie solchermaßen gelobt werden, daß sie dadurcherkranken oder von einem Abel befallen werden, und um das Übelabzuwenden, womit sie mich bedroht glaubte, nahm sie ihre Zufluchtzu dem vom Volksglauben als probat empfohlenen Mittel, welchesdarin besteht, daß man das gelobte Kind dreimal anspucken muß.Sie kam auch gleich auf mich zugesprungen und spuckte mir hastigdreimal auf den Kopf.
Doch dieses war erst ein provisorisches Bespeien, denn die Wissen-den behaupten, wenn die bedenkliche Lobspende von einer Hexe gemachtworden, so könne der böse Zauber nur durch eine Person gebrochenwerden, die ebenfalls eine Hexe, und so entschloß sich die Zippel nochdenselben Tag zu einer Frau zu gehen, die ihr als Hexe bekanntwar und ihr auch, wie ich später erfahren, manche Dienste durch ihregeheimnisvolle und verbotene Kunst geleistet hatte. Diese Hexe be-strich mir mit ihrem Daumen, den sie mit Speichel angefeuchtet, denScheitel des Hauptes, wo sie einige Haare abgeschnitten; auch andereStellen bestrich sie solchermaßen, während sie allerlei Abrakadabra-Unsinn dabei murmelte, und so ward ich vielleicht schon frühe zumTenfelspriester ordiniert.
Jedenfalls hat diese Frau, deren Bekanntschaft mir seitdem ver-blieb, mich späterhin, als ich schon erwachsen, in die geheime Kunstinitiert.
Ich bin zwar selbst kein Hexenmeister geworden, aber ich weiß,wie gehext nrd^), und besonders weiß ich, was keine Hexerei ist.
Jene Frau nannte man die Meisterin oder auch die Göchin,weil sie aus Goch gebürtig war, wo auch ihr verstorbener Gatte, derdas verrufene Gewerbe eines Scharfrichters trieb, sein Domizil hatteund von nah und fern: zu Amtsverrichtungen gerufen wurde. Manwußte, daß er seiner Witwe mancherlei Arkana hinterlassen, und dieseverstand es, diesen Ruf auszubeuten.
*) Heine hatte allerdings die merkwürdigsten Studien über Hexenwesen ge-macht; sein Buch: „Elementargeister" ist ein wahres Handbuch des Bolksaber-glaubens.