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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
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235
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Memoiren. 235

Wohlthäter, der den armen Leuten iminer die Tüte nn den Kopfwarf, daß man mit jedem Thaler auch ein Loch in den Kopf bekam,hätte hier bei meinem höflichen Vater etwas lernen können. Er be-fragte die meisten armen Weiber nach ihrem Befinden und er warso gewohnt an die Redeformel: „ich habe die Ehre," daß er sie auchanwandte, wenn er mancher Vettel, die etwa unzufrieden und Patzig,die Thüre zeigte.

Gegen die alte Flader war er am höflichsten und er bot ihrimmer einen Stuhl. Sie war auch wirklich so schlecht auf den Beinenund konnte mit ihrer Handkrückc kaum forthumpeln.

Als sie zum letztenmal zu meinem Vater kam, um ihr Mvnats-gelo abzuholen, war sie so zusammenfallend, daß ihr Enkel, der Jupp,sie führen mußte. Dieser warf mir einen sonderbaren Blick zu, alser mich an dem Tische neben meinem Vater sitzen sah. Die Alleerhielt außer der kleinen Tüte auch noch eine ganz große Privattiitevon meinem Vater und sie ergoß sich in einen Strom von Segens-wünschen und Thränen.

Es ist fürchterlich, wenn eine alte Großmutter so stark weint.Ich selbst hätte weinen können, und die alte Frau mochte es mirwohl anmerken. Sie konnte nicht genug rühmen, welch ein hübschesKind ich sei, und sie sagte, sie wollte die Muttergottcs bitten, dafürzu sorgen, daß ich niemals im Leben Hunger leiden und bei denLeuten betteln müsse.

Mein Vater ward über diese Worte etwas verdrießlich, aber dieAlte meinte es ehrlich; es lag in ihrem Blick etwas so Geisterhaftesaber zugleich Frömmiges und Liebreiches, und sie sagte zuletzt zuihrem Enkel: Geh, Jupp, und küsse dem lieben Kinde die Hand. DerJupp schnitt eine säuerliche Grimasse, aber er gehorchte dem Befehlder Großmutter; ich fühlte auf meiner Hand seine brennenden Lippenwie den Stich einer Viper. Schwerlich konnte ich sagen, warum,aber ich zog aus der Tasche alle meine Fettmännchen und gab siedem Jupp, der mit einem roh blöden Gesicht sie Stück vor Stückzählte und endlich ganz gelassen in die Tasche seiner Bux steckte.

Zur Belehrung des Lesers bemerke ich, daß „Fettmännchen" derName einer fettigdicken Kupfermünze, die ungefähr einen Sou wert ist.

Die alte Flader ist bald darauf gestorben, aber der Jupp istgewiß noch am Leben, wenn er nicht seitdem gehenkt worden ist. —Der böse Bnbe blieb unverändert. Schon den andern Tag nachunserem Zusammentreffen bei meinem Vater begegnete ich ihm aufder Straße. Er ging mit seiner wohlbekannten langen Fischcrrute.Er schlug mich wieder mit diesem Stcckeu, warf auch wieder nach mirmit einigen Roßäpfeln und schrie wieder das fatale Haarüh! undzwar so laut und die Stimme des Drcckmichcls so treu nachahmend,daß der Esel desselben, der sich mit dem Karren zufällig in einer