234 Memoiren.
Das Verhältnis meines Vaters zu den besagten Frauen hatteaber noch außerdem einen ernsteren Grund. Er war nämlich ihrRatgeber, und es ist merkwürdig, daß dieser Mann, der sich selberso schlecht zu raten wußte, dennoch die Lcbensklugheit selbst war, wennes galt, andern in mißlichen Vorfatlenheiten einen guten Rat zuerteilen. Er durchschaute dann gleich die Position, und wenn diebetrübte Klientin ihm auseinandergesetzt, wie es ihr in ihrem Gewerbeimmer schlimmer gehe, so that er am Ende einen Ausspruch, den ichso oft, wenn alles schlecht ging, aus seinem Munde hörte, nämlich:„In diesem Falls muß man ein'neues Fäßcheu anstechen." Er wolltedamit anraten, daß man nicht in einer verlorenen Sache eigensinnigferner beharren, sondern etwas Neues beginnen, eine neue Richtungeinschlagen müsse. Man muß dem alten Faß, woraus nur saurerWein und nur sparsam tröpfelt, lieber gleich den Boden ausschlagenund „ein neues Fäßcheu anstechen"! Aber statt dessen legt man sichfaul mit offenem Mund unter das trockene Spundloch und hofft aufsüßeres und reichlicheres Rinnen.
Als die alte Hanne meinem Bater klagte, daß ihre Kundschaftabgenommen und sie nichts mehr zu brocken und, was für sie nochempfindlicher, nichts mehr zu schlucken habe, gab er ihr erst einenThalcr und dann sann er nach. Die alte Hanne war früher eineder vornehmsten Hebammen, aber in späteren Jahren ergab sie sichetwas dem Trinken und besonders dem Tabakschnnpfcn; da in ihrerroten Nase immer Tauwetter war, und der Trvpfenfall die weißenBetttücher der Wöchnerinnen sehr verbräunte, so ward die Frauüberall abgeschafft. —
Nachdem mein Vater nun reislich nachgedacht, sagte er endlich:Da muß man ein neues Fäßcheu anstechen, und diesmal muß es einBranntweinfäßchen sein; ich rate Euch, iu einer etwas vornehmen,von Matrosen besuchten Straße am Hafen einen kleinen Ligueurladeuzu eröffnen, ein Schnapslädchen.
Die Ex-Hebamme folgte diesem Rat, sie etablierte sich mit einerSchnapsbutike am Hafen, machte gute Geschäfte und sie hätte gewißein Vermögen erworben, wenn nicht unglücklicherweise sie selbst ihrebeste Kunde gewesen wäre. Sie verkaufte auch Tabak, und ich sahsie oft vor ihrem Laden stehen mit ihrer rot aufgedunsenen Schnupf-tabaksnase, eine lebende Reklame, die manchen gefühlvollen Seemannanlockte.
Zu den schönen Eigenschaften meines Vaters gehörte vorzüglichseine große Höflichkeit, die er, als ein wahrhaft vornehmer Mann,ebensosehr gegen Arme wie gegen Reiche ausübte. Ich bemerkte diesesbesonders in den obenerwähnten Sitzungen, wo er, den armen Leutenihre Geldtüte verabreichend, ihnen immer einige höfliche Worte sagte.
Ich konnte da etwas lernen, und in der That, mancher berühmte