Memoire». 233
ihm die Tüten. Mein Vater wollte nämlich, ich sollte lernen, wieman giebt, und in diesem Fache konnte man bei meinem Bater ctivasTüchtiges lernen.
Viele Menschen haben das Herz auf dem rechten Fleck, aber sieverstehen nicht zu geben, und es dauert lange, ehe der Wille desHerzens den Weg bis zur Tasche macht; zwischen dem guten Vorsatzund der Vollstreckung vergeht langsam die Zeit wie bei einer Post-schnecke. Zwischen dem Herzen meines Vaters und seiner Tasche wargleichsam schon eine Eisenbahn eingerichtet. Daß er durch die Aktionensolcher Eisenbahn nicht reich wurde, versteht sich von selbst. Bei derNord- oder Lyon-Bahn ist mehr verdient worden.
Die meisten Klienten meines Vaters waren Frauen und zwaralte, und auch in späteren Zeiten, selbst damals, als seine Umständesehr unglänzend zu sein begannen, hatte er eine solche Klientel vonbejahrten Weibspersonen, denen er kleine Pensionen verabreichte. Siestanden überall auf der Lauer, wo sein Weg ihn vorübcrführen mußte,und er hatte solchermaßen eine geheime Leibwache von alten Weibern,wie einst der selige Robespierre.
Unter dieser altergrauen Garde war manche Bettel, die durchausnicht aus Dürftigkeit ihm nachlief, sondern aus wahrem Wohlgefallenan seiner Person, an seiner freundlichen und immer liebreichen Er-scheinung.
Er war ja die Artigkeit in Person, nicht bloß den jungen, son-dern auch den älteren Frauen gegenüber, und die alten Weiber, dieso grausam sich zeigen, wenn sie verletzt werden, sind die dankbarsteNation, wenn man ihnen einige Aufmerksamkeit und Zuvorkommen-heit erwiesen, und wer in Schmeicheleien bezahlt sein will, der findetin ihnen Personen, die nicht knickern, während die jungen schnippischenDinger uns für alle unsere Zuvorkommenheiten kaum eines Kopf-nickens würdigen.
Da nun für schöne Männer, deren Spezialität darin besteht, daßsie schöne Männer sind, die Schmeichelei ein großes Bedürfnis istund es ihnen dabei gleichgültig ist, ob der Weihrauch aus einemrosigen oder welken Munde kommt, wenn er nur stark und reichlichhervorquillt, so begreift man, wie mein teurer Vater, ohne eben daraufspekuliert zu haben, dennoch in seinem Verkehr mit den alten Damenein gutes Geschäft machte.
Es ist unbegreiflich/wie groß oft die Dosis Weihrauch war, mitwelcher sie ihn eindampften, und wie gut er die stärkste Portion ver-tragen konnte. Das war sein glückliches Temperament, durchausnicht Einfalt. Er wußte sehr wohl, daß man ihm schmeichle, aberer wußte auch, daß Schmeichelei, wie Zucker, immer süß ist, und erwar ivie das Kind, welches zu der Mutter sagt: schmeichle mir einbißchen, sogar ein bißchen zu viel.