232 Memoiren.
sehr liebte, verriet mich einst: er schloß mich in seine Arme, lehnteseine Wange zärtlich an die meinige, blieb lange sentimental anmeiner Brust und — rief mir plötzlich ins Ohr ein lachendes Haariih!— das schnöde Wort im Davonlaufen beständig modulierend, daß esweithin durch die Kreuzgänge des Klosters wiederhallte.
Noch roher behandelten mich einige Nachbarskinder, Gassenbubenjener niedrigsten Klasse, welche wir in Düsseldorf „Haluten" nannten,ein Wort, welches Etvmoloaicnittaer gewiß von den Heloten der Spar-taner ableiten würden.
Ein solcher Halnt war der kleine Jnpp, welches Joseph heißt,und den ich auch mit seinem Vatersnamen Flader benennen will,damit er beileibe nicht mit dem Jupp Rörsch verwechselt werde, welcherein ganz artiges Nachbarskind war und, wie ich zufällig erfahren,jetzt als Postbeamter in Bonn lebt. Der Jupp Flader trug immereinen langen Fischersteckcn, womit er nach mir schlug, wenn er mirbegegnete. Er pflegte mir auch gern Roßäpfel an den Kopf zu werfen,die er brühwarm, wie sie aus dem Backofen der Natur kamen, vonder Straße aufrafftet Aber nie unterließ er dann auch das fataleHaariih! zu rufen und zwar in allen Modulationen.
Der böse Bub war der Enkel der alten Frau Flader, welche zuden Klientinnen meines Vaters gehörte. So böse der Bub war, sogutmütig war die arme Großmutter, ein Bild der Armut und desElends, aber nicht abstoßend, sondern nur herzzerreißend. Sie warwohl über 80 Jahre alt, eine große Schlottergestalt, ein weißes Leder-gesicht mit blassen Kummeraugen, eine weiche, röchelnde, wimmerndeStimme, und bettelnd ganz ohne Phrase, was immer furchtbar klingt.
Mein Vater gab ihr immer einen Stuhl, wenn sie kam, ihrMonatsgeld abzuholen an den Tagen, wo er als Armenpflcger seineSitzungen hielt.
Von diesen Sitzungen meines Vaters als Armenpfleger bliebenmir nur diejenigen im Gedächtnis, welche im Winter stattfanden, inder Frühe des Morgens, wcnn'S noch dunkel war. Mein Vater saßdann an einem großen Tische, der mit Geldtiiten jeder Größe bedecktwar; statt der silbernen Leuchter mit Wachskerzen, deren sich meinVater gewöhnlich bediente und womit er, dessen Herz so viel Taktbesaß, vor der Armut nicht prunken wollte, standen jetzt auf demTische zwei kupferne Leuchter mit Talglichtern, die mit° der rotenFlamme des dicken, schwarz gebrannten Dochtes gar traurig die an-wesende Gesellschaft beleuchteten.
Das waren arme Leute jedes Alters, die bis in den VorsaalQueue machten. Einer nach dem andern kam, seine Tüte in Empfangzu nehmen, und mancher erhielt zwei; die große Tüte enthielt dasPrivatalmosen meines Vaters, die kleine das Geld der Armenkasse.
Ich saß auf einem hohen Stuhle neben meinem Bater und reichte