223 Memoiren.
So ist die Zopfmode ein bedeutsames Symptom eines ernsten Be-dürfnisses und nicht ein Spiel der Frivolität doch ich suche ver-gebens durch das Schellen meiner Kappe die Wehmut zu überklingcln,die mich jedesmal ergreift, wenn ich an meinen verstorbenen Vater denke.
Er mar von allen Menschen derjenige, den ich am meisten ansdieser Erde geliebt. Er ist jetzt tot seit länger als 25 Jahren. Ichdachte nie . daran, daß ich ihn einst verlieren würde, und selbst jetztkann ich es kaum glauben, daß ich ihn wirklich verloren habe. Esist so schwer, sich von dem Tod der Menschen zu überzeugen, die wirso innig liebten. Aber sie sind auch nicht tot, sie leben fort in unsund wohnen in unserer Seele.
Es verging seitdem keine Nacht, wo ich nicht an meinen seligenVater denken mußte, und wenn ich des Morgens erwache, glaube ichoft noch den Klang seiner Stimme zu hören, wie das Echo einesTrauines. Alsdann ist mir zu Sinn, als müßte ich mich geschwindankleiden und zu meinem Vater hinabeilen in die große Stube, wieich als Knabe that.
Mein Vater Pflegte immer sehr frühe aufzustehen und sich anseine Geschäfte zu begeben, im Winter wie im Sommer, und ich fändihn gewöhnlich schon am Schreibtisch, wo er ohne aufzublicken mirdie Hand hinreichte zum Kusse. Eine schöne, feingeschnittene, vor-nehme Hand, die er immer mit Mandelklei wusch. Ich sehe sie nochvor mir, ich sehe noch jedes blaue Äderchen, das diese blendend weißeMarmorhand durchrieselte. Mir ist als steige der Mandelduft prickelndin meine Nase, und das Auge wird feucht.
Zuweilen blieb es nicht beim bloßen Handkuß, und mein Vaternahm mich zwischen seine Knie und küßte mich auf die Stirn. EinesMorgens umarmte er mich mit ganz ungewöhnlicher Zärtlichkeit undsagte: „Ich habe diese Nacht etwas Schönes von dir geträumt undbin sehr zufrieden mit dir, mein lieber Harry." Während er diesenaiven Worte sprach, zog ein Lächeln um seine Lippen, welches zusagen schien: mag der Harry sich noch so unartig in der Wirklichkeitaufführen, ich werde dennoch, um ihn ungetrübt zu lieben, immeretwas Schönes von ihm träumen.
Harry ist bei den Engländern der familiäre Name derjenigen,welche Henri heißen, und entspricht ganz meinem deutschen Namen„Heinrich". Die familiären Benennungen des letzteren sind in deinDialekte meiner Heimat äußerst mißklingcnd, ja fast skurril, z. B.Heinz, Heinzchen, Hinz. Heinzchcn werden oft auch die kleinen Haus-kobolde genannt, und der gestiefelte Kater im Puppenspiel und über-haupt der Kater in der Volksfabel heißt „Hinze".
Aber nicht um solcher Mißlichkeit abzuhelfen, sondern um einenseiner besten Freunde in England zu ehren, ward von meinem Vatermein Name anglisiert. Vir. Harry war meines Vaters Geschäfts