222 Memoiren.
daß das vollwangige, mit einem Doppelkinn versehene Gesicht wieein Vollmond aus nächtlichem Gewölk hervorschimmerte.
Ihre Züge trugen noch die Spuren großer Schönheit, sie warenzugleich milde und ernsthaft, und besonders die Morbidezza der Haut-farbe gab dem ganzen Gesicht einen Ausdruck von Vornehmheit eigen-tümlicher Art; hätte der Maler der Dame ein großes Kreuz vonDiamanten vor die Brust gemalt, so hätte man sicher geglaubt, dasPorträt irgend einer gefürsteten Äbtissin eines protestantischen adeligenStiftes zu sehen.
Von den Kindern meiner Großmutter haben, soviel ich weiß,nur zwei ihre außerordentliche Schönheit geerbt, nämlich mein Vaterund mein Oheim Salomon Heine, der verstorbene Chef des ham-burgischen Bankhauses dieses Namens.
Die Schönheit meines Vaters hatte etwas Ubcrweiches, Charakter-loses, fast Weibliches. Sein Bruder besaß vielmehr eine männlicheSchönheit und er war überhaupt ein Mann, dessen Charakterstärkesich auch in seinen edelgemessenen, regelmäßigen Zügen imposant, jamanchmal sogar verblüffend offenbarte.
Seine Kinder waren alle, ohne Ausnahme, zur entzückendstenSchönheit cmporgeblüht, doch der Tod raffte sie dahin in ihrer Blüteund von diesem schönen Mcnschenblnmenstranß leben jetzt nur zwei,der jetzige Chef des Bankhauses und seine Schwester, eine selteneErscheinung mit —*)
Ich hatte alle diese Kinder so lieb und ich liebte auch ihre Mutter,die ebenfalls so schön war und früh dahinschied, und alle haben mirviele Thränen gekostet. Ich habe wahrhaftig in diesem Augenblickenötig, meine Schellenkappe zu schütteln, um die weinerlichen Gedankenzu überklingeln.
Ich habe oben gesagt, daß die Schönheit meines Vaters etwasWeibliches hatte. Ich will hiermit keineswegs einen Mangel anMännlichkeit andeuten: letztere hat er zumal in seiner Jugend ofterprobt und ich selbst bin am Ende ein lebendes Zeugnis derselben.Es sollte das keine unziemliche Äußerung sein; im Sinne hatte ichnur die Formen seiner körperlichen Erscheinung, die nicht straff unddrall, sondern vielmehr weich und zärtlich gerundet waren. DenKonturen seiner Züge fehlte das Markierte, und sie verschwommenins Unbestimmte. In seinen späteren Jahren ward er fett, aberauch in seiner Jugend scheint er nicht eben mager gewesen zu sein.
In dieser Vermutung bestätigt mich ein Porträt, welches seitdem
*1 Es folgten im ursprünglichen Manuskript hier noch drei Zeile» unten ausdem Blatt und ans dem nächsten Blatt oben, welche mit einer Schere ab-geschnitten sind. Schwerlich von Heinrich Heine, wahrscheinlich von MaximilianHeine oder einem andern der zärtlichen Verwandten, der Anstoß genommen aneiner Äußerung über die Kinder Salomon Heines.