Memoiren.
von leuchtendem Kolophonium und donnernden Paukenschlagen ent-behren konnte. Aber der Herr kannte sein Publikum, das mit seinenOchsen und Schafen und aufgesperrten Maulern unten am Bergestand und welchem gewiß ein physikalisches Kunststück mehr Bewun-derung einflößen konnte, als alle Mirakel des ewigen Gedankens.
Wie dem auch sei, dieser Grvßoheim hat die EinbildungskraftdeS Knaben außerordentlich beschäftigt. Alles, was man von ihmerzählte, machte einen unauslöschlichen Eindruck auf mein jungesGemüt, und ich versenkte mich so tief in seine Irrfahrten und Schick-sale, daß mich manchmal am hellen, lichten Tage ein unheimlichesGefühl ergriff und es mir vorkam, als sei ich selbst mein seligerGroßoheim und als lebte ich nur eine Fortsetzung des Lebens jeneslängst Verstorbenen!
In der Nacht spiegelte sich dasselbe retrospektiv zurück in meineTräume. Mein Leben glich damals einem großen Journal, wo dieobere Abteilung die Gegenwart, den Tag mit seinen Tagesberichtenund Tagesdebatten enthielt, während in der unteren Abteilung diepoetische Vergangenheit in fortlaufenden Nachtträumen wie eine Reihen-folge von Rvmanfeuilletons sich phantastisch kund gab.
In diesen Träumen identifizierte ich mich gänzlich mit meinemGroßoheim und mit Granen fühlte ich zugleich, daß ich ein andererwar und einer anderen Zeit angehörte. Da gab es Örtlichkeiten, dieich nie vorher gesehen, da gab es Verhältnisse, wovon ich früher keineAhnung hatte, und doch wandelte ich dort mit sicherem Fuß undsicherem Verhalten.
Da begegneten mir Menschen in brennend bunten, sonderbarenTrachten und mit abenteuerlich Wilsten Physiognomien, denen ichdennoch wie alten Bekannten die Hände drückte; ihre wildfremde, niegehörte Sprache verstand ich, zu meiner Verwunderung antworteteich ihnen sogar in derselben Sprache, während ich mit einer Hef-tigkeit gestikulierte, die mir nie eigen war, und während ich sogarDinge sagte, die mit meiner gewöhnlichen Denkweise widerwärtigkontrastierten.
Dieser wunderliche Zustand dauerte wohl ein Jahr, und obgleichich wieder ganz zur Einheit des Selbstbewußtseins kam, blieben dochgeheime Spuren in meiner Seele. Manche Idiosynkrasie, manchefatale Sympathien und Antipathien, die gar nicht zu meinem Naturellpassen, ja sogar manche Handlungen, die im Widerspruch mit meinerDenkweise sind, erkläre ich mir als Nachwirkungen aus jener Traum-zcit, wo ich mein eigener Großoheim war.
Wenn ich Fehler begehe, deren Entstehung mir unbegreiflich er-scheint, schiebe ich sie gern auf Rechnung meines morgenländischcnDoppelgängers. Als ich einst meinem Vater eine solche Hypothesemitteilte, um ein kleines Versehen zu beschönigen, bemerkte er schalt-