Memoiren. 219
hast: er hoffe, daß mein Großohcim keine Wechsel unterschrieben habe,die mir einst zur Bezahlung präsentiert werden könnten.
Es sind mir keine solche orientalischen Wechsel vorgezeigt worden,und ich habe genug Nöte mit meinen eigenen occidentalischcn Wechselngehabt.
Aber es giebt gewiß noch schlimmere Schulden als Geldschulden,welche unS die Vorfahren zur Tilgung hinterlassen. Jede Generntionist eine Fortsetzung der andern und ist verantwortlich für ihre Thaten.Die Schrift sagt: die Väter haben Härlinge (unreife Trauben) gegessenund die Enkel haben davon schmerzhaft taube Zähne bekommen.
Es herrscht eine Solidarität der Generationen, die aufeinanderfolgen, ja die Völker, die hintereinander in die Arena treten, über-nehmen eine solche Solidarität und die ganze Menschheit liquidiertam Ende die große Hinterlassenschaft der Vergangenheit. Im ThaleJosaphat wird das große Schuldbnch vernichtet werden oder vielleichtvorher noch durch einen Uuiversalbankrott.
Der Gesetzgeber der Juden hat diese Solidarität tief erkannt undbesonders in seinem Erbrecht sanktioniert; für ihn gab es vielleichtkeine individuelle Fortdauer nach dem Tode, und er glaubte nur andie Unsterblichkeit der Familie; alle Güter waren Familiencigentum,und niemand konnte sie so vollständig alienicrcn, daß sie nicht zueiner gewissen Zeit an die Familienglicder zurückfielen.
Einen schroffen Gegensatz zu jeuer menschenfreundlichen Idee desmosaischen Gesetzes bildet das römische, welches ebenfalls im Erbrechteden Egoismus des römischen Charakters bekundet.
Ich will hierüber keine Untersuchungen eröffnen, und meine per-sönlichen Bekenntnisse verfolgend, will ich vielmehr die Gelegenheitbenutzen, die sich mir hier bietet, wieder durch ein Beispiel zu zeigen,wie die harmlosesten Thatsachen zuweilen zu den böswilligsten In-sinuationen von meinen Feinden benutzt worden. Letztere wollennämlich die Entdeckung gemacht haben, daß ich bei biographischenMitteilungen sehr viel von meiner mütterlichen Familie, aber garnichts von meinen väterlichen Sippen und Magens spräche, und siebezeichneten solches als ein absichtliches Hervorheben und Verschweigenund beschuldigten mich derselben eiteln Hintergedanken, die man auchmeinem seligen Kollegen Wolsgang Goethe vorwarf.
Es ist freilich wahr, daß in dessen Memoiren sehr oft von demGroßvater von väterlicher Seite, welcher als gestrenger Herr Schult-heiß auf dem Römer zu Frankfurt präsidierte, mit besonderem Be-hagen die Rede ist, während der Großvater von mütterlicher Seite,der als ehrsames Flickschneiderlein auf der Bockenheimer Gasse auf
") Ein Licdlingswort Heines in Bezug auf seine Verwandtschaft. Es findetsich an mehreren Stetten. Meist hat er es in wegwerfendem Sinne angewandt.