214 Memoiren.
Entstand diese Schreibwut vielleicht durch den Drang, gcinci»nützig zu wirken? Er nahm teil an allen Tagesfragen und das LesenVvn Zeitungen und Broschüren trieb er bis zur Manie, aber nichteigentlich wegen seiner Gclahrthcit, sondern weil sein Vater und seinBruder Doktoren der Medizin gewesen. Und die alten Weiber ließenes sich nicht ausreden, daß der Sohn des alten Doktors, der sie sooft kuriert, nicht auch die Heilmittel seines Vaters geerbt haben müsse,und wenn sie erkrankten, kamen sie zu ihm gelaufen mit ihren Urin-flaschen, mit Weinen und Bitten, daß er dieselben besehen möchte,ihnen zu sagen, was ihnen fehle. Wenn der arme Oheim solcher-weise in seinen Studien gestört wurde, konnte er in Zorn geratenund die alten Trullen mit ihren Urinflaschen zum Teufel wünschenund davonjagen.
Dieser Oheim war es nun, der auf meine geistige Bildung großenEinfluß geübt und dem ich in solcher Beziehung unendlich viel zuverdanken habe. Wie sehr auch unsere Ansichten verschieden und sokümmerlich auch seine litterarischeu Bestrebungen waren, so regtensie doch vielleicht in mir die Lust zu schriftlichen Versuchen,
Der Oheim schrieb einen alten steifen Kanzleistil, wie er in denJesuitenschulcn, wo Latein die Hauptsache, gelehrt wird und konntesich nicht leicht befreunden mit meiner Ausdrucksweise, die ihm zuleicht, zu spielend, zu irrcverenziös vorkam. Aber sein Eifer, womiter mir die Hilfsmittel des geistigen Fortschritts zuwies, war für michvon größtem Nutzen,
Er beschenkte schon den Knaben mit den schönsten, kostbarstenWerken; er stellte zu meiner Verfügung seine eigene Bibliothek, diean klassischen Büchern und wichtigen Tagesbrosclstiren so reich war,und er erlaubte mir sogar, auf dem Söller der Arche Noä in denKisten herumzukramen, worin sich die alten Bucher und Skripturendes seligen Großvaters befanden.
Welche geheimnisvolle Wonne jauchzte im Herzen des Knaben,wenn er ans jenem Söller, der eigentlich eine große Dachstube war,ganze Tage verbringen konnte.
Es war nicht eben ein schöner Aufenthalt, und die einzige Be-wohnerin desselben, eine dicke Angorakatze, hielt nicht sonderlich ausSauberkeit und nur selten fegte sie mit ihrem Schweife ein bißchenden Staub und das Spinnweb fort von dein alten Gerümpel, dasdort aufgestapelt lag.
Aber mein Herz war so blühend jung, und die Sonne schien soheiter durch die kleine Lukarnc, daß mir alles von einem phantastischenLichte Übergossen schien und die alte Katze selbst mir wie eine ver-wünschte Prinzessin vorkam, die wohl Plötzlich aus ihrer tierischenGestalt wieder befreit, sich in der vorigen Schöne und Herrlichkeitzeigen dürfte, während die Dachkammer sich in einen prachtvollen