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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
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Memoire«. 211

nannte, ausgezehrt. Befragte ich ihn manchmal, wie es ihm gehe,antwortete er mit bewölkter Stirn lakonisch: ich bin an meinem drittenLöffel, oder ich bin an meinem vierten Löffel. Die Großen gehendahin, seufzte er einst, und es wird sehr schmale Bissen geben, wenndie Kleinen, die Kaffeelöffelchen, an die Reihe kommen, und wenndiese dahin sind, giebt's gar keine Bissen mehr.

Leider hatte er recht und je weniger er zu essen hatte, desto mehrlegte er sich aufs Trinken und ward ein Trunkenbold. AnfangsElend und später häuslicher Gram trieben den Unglücklichen, imRausche Erheiterung oder Vergessenheit zu suchen, und zuletzt mochteer wohl zur Flasche gegriffen haben, wie andere zur Pistole, um demJammcrtum ein Ende zu machen. Glauben Sie mir, sagte mir einstein naiver westfälischer Landsmann Grabbes, der konnte viel ver-tragen und wäre nicht gestorben weil er trank, sondern er trank weiler sterben wollte; er starb durch Sclbsttrunk.

Obige Ehrenrettung einer Mutter ist gewiß nie am unrechtenPlatz; ich versäumte bis jetzt, sie zur Sprache zu bringen, da ich siein einer Charakteristik Grabbes aufzeichnen wollte; diese kam nie zustände und auch in meinem Buche »cks I'cplloinuAiis" konnte ichGrabbes nur flüchtig erwähnen.

Obige Notiz ist mehr an den deutschen als den französischenLeser gerichtet, und für letzteren will ich hier nur bemerken, daß be-sagter Dietrich Grabbe einer der größten deutschen Dichter war undvon allen unseren dramatischen Dichtern wohl als derjenige genanntwerden darf, der die meiste Verwandtschaft mit Shakespeare hat. Ermag weniger Saiten ans seiner Leier haben als andere, die dadurchihn vielleicht überragen, aber die Saiten, die er besitzt, haben einenKlang, der nur bei dem großen Briten gefunden wird. Er hat die-selben Plötzlichkeiten, dieselben Naturlante, womit uns Shakespeareerschreckt, erschüttert, entzückt.

Aber alle seine Vorzüge sind verdunkelt durch eine Geschmack-losigkeit, einen Cynismns und eine Ausgelassenheit, die das Tollsteund Abscheulichste überbieten, das je ein Gehirn zu Tage gefördert.Es ist aber nicht Krankheit, etwa Fieber oder Blödsinn, was der-gleichen hervorbrachte, sondern eine geistige Intoxikation des Genies.Wie Plato den Diogenes sehr treffend einen wahnsinnigen Sokratesnannte, so könnte man unseren Grabbe leider mit doppeltem Rechteeinen betrunkenen Shakespeare nennen.

In seinen gedruckten Dramen sind jene Monstrositäten sehrgemildert, sie befanden sich aber grauenhaft grell in dem ManuskriptseinesGothland", einer Tragödie, die er mir einst, als er mir nochganz unbekannt war, überreichte, oder vielmehr vor die Füße schmißmit den Worten: ich wollte wissen, was an mir sei, und da habeich dieses Manuskript dem Professor Gubitz gebracht, der darüber den

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