210 Memoiren.
Der Vater meiner Mutter, wie diese mir einst erzählte, erprobte das-selbe Kunststück. Die Juwelen, welche das Gebetbuch seiner verstorbenenMutter verzierten, mußten die Kosten seines Aufenthalts auf derUniversität bestreiten, als sein Vater, der alte Lazarus de Geldern,durch einen Successionsprozeß mit einer verheirateten Schwester ingroße Armut geraten war, er, der von seinem Vater ein Vermögengeerbt hatte, von dessen Größe mir eine alte Grvßmnhme so vielWunderdinge, erzählte.
Das klang dem Knaben immer wie Märchen von Tausend undeiner Nacht, wenn die Alte von den großen Palästen und den per-sischen Tapeten und dem massiven Gold- und Silbergeschirr erzählte,die der gute Mann, der am Hofe des Kurfürsten*) und der Kurfürstinso viel Ehren genoß, so kläglich einbüßte. Sein Hans in der Stadtwar das große Hotel in der Rheinstraße; das jetzige Krankenhans inder Neustadt gehörte ihm ebenfalls, sowie ein Schloß bei Gravenberg,und am Ende hatte er kaum, wo er sein Haupt hinlegen konnte.
Eine Geschichte, die ein Seitenstück zu der obigen bildet, will ichhier einweben, da sie die verunglimpfte Mutter eines meiner Kollegenin der öffentlichen Meinung rehabilitieren dürfte. Ich las nämlicheinmal in der Biographie des armen Dietrich Grabbe, daß daSLaster des Trunks, woran derselbe zu Gruude gegangen, ihm durchseine eigene Mutter frühe eingepflanzt worden sei, indem sie demKnaben, ja dem Kinde Branntwein zu trinken gegeben habe. DieseAnklage, die der Herausgeber der Biographie aus dem Munde feind-seliger Verwandter erfahren, scheint grundfalsch, wenn ich mich derWorte erinnere, womit der selige Grabbe mehrmals von seiner Muttersprach, die ihn oft gegen „dat Suppen" mit den nachdrücklichstenWorten verwarnte.
Sie war eine rohe Dame, die Frau eines Gefängniswärters undwenn sie ihren jungen Wolf-Dietrich karessiertc, mag sie ihn wohlmanchmal mit den Tatzen einer Wölfin auch ein bißchen gekratzthaben. Aber sie hatte doch ein echtes Mutterherz und bewährte solches,als ihr Sohn nach Berlin reiste, um dort zu studieren.
Beim Abschied, erzählte mir Grabbe, drückte sie ihm ein Paketin die Hand, worin, weich umwickelt mit Baumwolle, sich ein halbDutzend silberne Löffel nebst sechs dito kleinen Kaffeelöffeln und eingroßer dito Potagelöffcl befand, ein stolzer Hausschatz, dessen die Frauenaus dem Volke sich nie ohne Herzbluten entäußern, da sie gleichsameine silberne Dekoration sind, wodurch sie sich von dem gewöhnlichenzinnernen Pöbel zu unterscheiden glauben. Als ich Grabbe kennenlernte, hatte er bereits den Potagelöffcl, den Goliath, wie er ihn
»1 Kursürst Karl Theodor von der Matz, der Begründer der MalcraladcmicI» Düsseldorf Vormals gehörte Düsseldorj zur Kurpsalz.