Memoiren. 207
jedoch gestehe ich, daß sie schuld war an der Unfruchtbarkeit meinermeisten Versuche und Bestrebungen in bürgerlichen Stellen, da die-selben niemals meinem Naturell entsprachen. Letzteres, weit mehrals die Wcltbegebenheiten, bestimmte meine Zukunft.
In uns selbst liegen die Sterne unseres Glücks.
Zuerst war es die Pracht des Kaiserreichs, die meine Mutterblendete, und da die Tochter eines Eiscnsabrikautcn unserer Gegend,die mit meiner Mutter sehr befreundet war, eine Herzogin gewordenund ihr gemeldet hatte, daß ihr Mann sehr viele Schlachten gewonnenund bald auch zum König avancieren würde, — ach, da träumtemeine Mutter für mich die goldensten Epaulettcn oder die brvdier-testcn Ehrenchargen am Hofe des Kaisers, dessen Dienst sie mich ganzzu widmen beabsichtigte.
Deshalb mußte ich jetzt vorzugsweise diejenigen Studien betreiben,die einer solchen Laufbahn förderlich, und obgleich im Lhcenm schonhinlänglich für mathematische Wissenschaften gesorgt war, und ich beidem liebenswürdigen Professor Breivcr vollauf mit Geometrie, Statik,Hydrostatik, Hydraulik u. s. w. gefüttert ward und in Logarithmenund Algebra schwamm, so mußte ich doch noch Privatunterricht indergleichen Disciplinen nehmen, die mich in den Stand setzen sollten,ein großer Stratcgiker oder nötigenfalls der Administrator von er-oberten Provinzen zu werden.
Mit dem Fall des Kaiserreichs mußte auch meine Mutter derprachtvollen Laufbahn, die sie für mich geträumt, entsagen; die dahinzielenden Studien nahmen ein Ende, und sonderbar! sie ließen auchkeine Spur in meinem Geiste zurück, so sehr waren sie demselbenfremd. Es war nur eine mechanische Errungenschaft, die ich von mirwarf als unnützen Plunder.
Meine Mutter begann jetzt in anderer Richtung eine glänzendeZukunft für mich zu träumen.
Das Rothschildsche Haus, mit dessen Chef mein Vater vertrautwar, hatte zn jener Zeit seinen fabelhaften Flor bereits begonnen;auch andere Fürsten der Bank und der Industrie hatten in unsererNähe sich erhoben, und meine Mutter behauptete, es habe jetzt dieStunde geschlagen, wo ein bedeutender Kopf im mcrkantilischen Fachedas Ungeheuerlichste erreichen und sich zum höchsten Gipfel der weUlichen Macht emporschwingen könne. Sie beschloß daher jetzt, daßich eine Gcldmacht werden sollte, und jetzt mußte ich fremde Sprachen,besonders Englisch, Geographie, Buchhalten, kurz, alle auf den Land-nnd Seehandel und Gewerbsknnde bezüglichen Wissenschaften studieren.
Um etwas vom Wechselgeschäft und von Kolonialwaren kennenzu lernen, mußte ich später das Cvmptvir eines Bankiers meinesVaters und die Gewölbe eines großen Spezereihändlers besuchen;erstere Besuche dauerten höchstens drei Wochen, letztere vier Wochen,