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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
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Über Polen. 199

sich die Polizei hätte drein mischen sollen. Madame Carlsen ist dieFrau von Herrn Carlsen. Aber Herr Voigt ist der Komiker: er sagtes ja selbst, denn er macht den Kvmödicnzettel. Er ist der Lieblingder Galerie, hat den Grundsatz, daß man eine Rolle wie die anderespielen müsse, und ich sah mit Bewunderung, daß er demselben getreublieb als Fels von Felsenbnrg, als dummer Baron imAlpenröschen", als Spießbürger-Anfithrer imVogelschießen" u. s. w. ESwar immer ein und derselbe Herr Ernst Voigt mit seiner Fistclkomik.Einen andern Komiker hat Posen kürzlich gewonnen in Herrn Acker-mann, von welchem ich den Stabcrlc undDie falsche Catnlani" mitvielem Vergnügen gesehen. Madame Lentner ist die Directricc derPoscner Bühne, und findet nichts weniger als ihre Rechnung dabei.Vor ihr spielte hier die Köhlersche Truppe, die jetzt in Gnesen ist,und zwar im allerdesolatesten Zustande. Der Anblick dieser armenWaisenkinder der deutschen Kunst, die ohne Brot und ohne aufmun-ternde Liebe in dem fremden kalten Polen hernmirrcn, erfüllte meineSeele mit Wehmut. Ich habe sie bei Gnesen auf einem freien, mithohen Eichen romantisch umzäunten Platze, genannt der Waldkrug,spielen sehen; sie führten ein Schauspiel auf, betitelt:Bianka vonToredo, oder die Bestürmung von Castellncro", ein großes Ritter -schauspiel in fünf Aufzügen von Winkler; es wurde viel darin ge-schossen und gefochten und geritten, und innig rührten mich diearmen, genngstigten Prinzessinnen, deren wirkliche Betrübnis merklichschimmerte durch ihre betrübte Deklamation, deren häusliche Dürftig-keit sichtbar hervorguckte aus ihrem fürstlichen Goldflitterstaate, undauf deren Wangen das Elend nicht ganz von der Schminke bedecktwar. Vor kurzem spielte hier auch eine polnische Gesellschaft ansKrakau. Für zweihundert Thaler Abstandsgeld überließ ihr MadameLcutncr die Benutzung des Schauspielhauses auf vierzehn Dar-stellungen. Die Polen gaben meistens Opern. An Parallelen zwischenihnen und der deutschen Truppe konnte es nicht fehlen. Die Poscnervon deutscher Zunge gestanden zwar, daß die polnischen Schauspielerschöner spielten als die deutschen, und schöner sangen, und eine schönereGarderobe führten u. f. w., aber sie bemerkten doch: die Polen hättenkeinen Anstand. Und das ist wahr; es fehlte ihnen jene traditionelleTheateretikette und pompöse, prctiöse und graziöse Gravität deutscherKomödianten. Die Polen spielen im Lustspiel, im bürgerlichen Schau-spiel und in der Oper nach leichten, französischen Mustern; aber dochmit der original-polnischen Unbefangenheit. Ich habe leider keineTragödie von ihnen gesehen. Ich glaube, ihre Hanptfvrce ist dasSentimentale. Dieses bemerkte ich in einer Vorstellung desTaschen-buchs" von Kotzcbne, das man hier gab unter den: Titel:JanGrudczinski, Starost von Rawa", Schauspiel in drei Akten, nach demDeutschen von L. A. Dmuszewski. Ich wurde ergriffen von dem hin-