Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
196
Einzelbild herunterladen
 

136

Über Polen.

frische, freie Landleben in der Jugend hat gewiß am meisten dazubeigetragen, den Polen jenen großen starken Charakter zu verleihen,den sie im Kriege und im Unglück zeigem Sie bekommen dadurcheinen gesunden Geist in einem gesunden Körper; dieses bedarf derGelehrte ebensogut wie der Soldat. Die Geschichte zeigt uns, wie diemeisten Menschen, die etwas Großes gethan, ihre Jugend im Still-leben verbrachten. Ich habe in der letzten Zeit die Erziehung derMönche im Mittelalter so sehr lobpreisen gehört; man rühmte dieMethode in den Klosterschulen und nannte die daraus hervorgegangenengroßen Männer, deren Geist sogar in unserer absonderlich geistreichenZeit etwas gelten würde; aber man vergaß, daß es nicht die Mönche,sondern die mönchische Eingezogenheit, nicht die Kloster-Schulmethvde,sondern die stille Klöstcrlichkcit selbst war, die jene Geister nährteund stärkte. Wenn man unsere Erziehungsinstitnte mit einer Mauerumgäbe, so würde dieses mehr wirken, als alle unsere pädagogischenSysteme, sowohl idealisch-humanistische als Praktisch-Basedowsche. Ge-schähe dasselbe bei unseren Mädchenpensionen, die jetzt so hübsch sreidastehen zwischen dem Schauspielhause und dem Tanzhanse und derWachtparadc gegenüber, so verlören unsere Pensionärinnen ihre kalei-doskopartige Phantasterei und neudramatische Wassersuppen-Senti-mentalität.

Bon den Bewohnern der preußisch-polnischen Städte will ichIhnen nicht viel schreiben: es ist ein Mischvolk von preußischen Be-amten, ausgewanderten Deutschen, Wasserpolen, Polen, Juden,Militär u. s. w. Die preußischen deutschen Beamten siihlen sich vonden polnischen Edelleuten nicht eben zuvorkommend behandelt. Vieledeutsche Beamte werden oft ohne ihren Willen nach Polen versetzt,suchen aber so bald als möglich wieder heraus zu kommen; anderesind von häuslichen Verhältnissen in Polen festgehalten. Unter ihnenfinden sich auch solche, die sich darin gefallen, daß sie von Deutschlandisoliert sind; die sich bestreben, das bißchen Wisscnschaftlichkeit, dassich ein Beamter zum Behuf des Examens erworben haben mußte,so schnell als möglich wieder nnszugähnen; die ihre Lebensphilosophieauf eine gute Mahlzeit basiert haben, und die bei ihrer Kanneschlechten Bieres geifern gegen die polnischen Edellente, die alle TageUngarwcin trinken und keine Aktenstöße durchzuarbeiten brauchen.Von dem preußischen Militär, das in dieser Gegend liegt, braucheich nicht viel zu sagen. Dieses ist, wie überall, brav, wacker, höflich,treuherzig und ehrlich. Es wird von dem Polen geachtet, weil dieserselbst soldatischen Sinn hat und der Brave alles Brave schätzt; abervon einem näheren Gefühl ist noch nicht die Rede.

Posen, die Hauptstadt des Großherzvgtnms, hat ein trübsinniges,unerfreuliches Ansehen. Das einzige Anziehende ist, daß sie einegroße Menge katholischer Kirchen hat. Aber keine einzige ist schön.