Über Polen. 135
die Feder ebensogut führen wie die Lanze, und wird sich ebenso tapferzeigen auf dem Gebiete des Wissens, als auf den bekannten Schlacht-feldern. Eben weil die Geister so lange brach lagen, wird die Saatin ihnen desto mannigfaltigere und üppigere Früchte tragen. Beivielen Völkern Europas ist der Geist eben durch seine vielen Reibungenschon ziemlich abgestumpft, und durch den Triumph seines Bestrebens,durch sein Sichselbstcrkennen, hat er sich sogar hier und da selbst zer-stören müssen. Außerdem werden die Polen von den vielhunderUjährigen Geistesanstrengnngcn des übrigen Europa die reinen Resul-tate in Empfang nehmen, und während diejenigen Völker, welche bis-her an dem babylonischen Turmbau europäischer Kultur mühsamarbeiteten, erschöpft sind, werden unsere neuen Ankömmlinge mitihrer slavischcn Behendigkeit und noch unerschlafften Rüstigkeit dasWerk weiter fördern. Hierzu kommt noch, daß die wenigsten dieserneuen Arbeiter für Tagclvhn Handlangern, wie es der Fall ist beiuns in Deutschland, wo die Wissenschaften ein Gewerbe und zünftigsind, und wo selbst die Muse eine Milchkuh ist, die so lange fürHonorar abgemelkt wird, bis sie reines Wasser giebt. Die Polen,welche sich jetzt auf Wissenschaften und Künste werfen, sind Edellente,und haben meistens Privatvcrmögen genug, um nicht zu ihrem Lebens-unterhalt ans den Ertrag ihrer Kenntnisse und wissenschaftlichenLeistungen angewiesen zu sein. Unberechenbar ist dieser Vorzug.Herrliches zwar hat schon der Hunger hervorgebracht, aber noch vielHerrlicheres die Liebe. Auch das Lokal begünstigt die geistigen Fort-schritte der Polen, nämlich ihre Erziehung ans dem Lande. Daspolnische Landleben ist nicht so geräuschlos und einsamlich wie dasunsrigc, da die polnischen Edellente sich auf zehn Stunden weit be-suchen, oft wochenlang mit der sämtlichen Familie beisammen bleiben,mit wohlcingepackten Betten nomadisch herumreisen; so daß es mirvorkam, als sei das ganze Grvßherzogtnm Posen eine große Stadt,wo nur die Häuser etwas meilenweit voneinander entfernt stehen,und in mancher Hinsicht sogar eine kleine Stadt, weil die Polen sichalle kennen, jeder mir den Familienverhältnissen und Angelegenheitendes andern genau bekannt ist, und diese gar oft ans kleinstädtischeWeise Gegenstände der Unterhaltung werden. Dennoch ist diesesrauschende Treiben, welches dann und wann auf den polnischen Land-gütern herrscht, der Erziehung der Jugend nicht so schädlich, wie dasGeräusch der Städte, das sich jeden Augenblick in seinen Tonartenverändert, den Geist der Jugend von der Natnranschanung abwendet,durch Mannigfaltigkeit zersplittert und durch Überreiz abstumpft. Ja,;ene zuwciligc Störung im ländlichen Stilllcbcn ist der Jugend sogarheilsam, da sie wieder anregt und aufwühlt, wenn der Geist durchdie immerwährende äußere Ruhe versumpfen oder, wie man es nennt,versauern möchte; eine Gefahr, die bei uns so oft vorhanden. Das
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