134 Über Polen.
begriffen haben, deren Stempel und Tendenz die Wissenschaft ist.Viele Polen lernen jetzt Deutsch, und eine Menge guter deutscherBücher wird ins Polnische übersetzt. Der Patriotismus hat ebenfallsteil an diesen Erscheinungen. Die Polen fürchten den gänzlichenlintergang ihrer Nationalität; sie merken jetzt, wieviel zur Erhaltungderselben durch eine National-Litteratur bewirkt wird, und (wie drolliges auch klingt, so ist es doch wahr, was mir viele Pvlen ernsthastsagten) in Warschau wird an einer — Polnischen Litteratnr gearbeitet.Es ist nun freilich ein großes Mißverständnis, wenn man glaubt,eine Litteratnr, die ein ans dem ganzen Volke organisch Hervor-gegangenes sein muß, könne im littcrarischcn Treibhausc der Haupt-stadt von einer Gelehrten Gesellschaft zusammengeschrieben werden;aber durch diesen guten Willen ist doch schon ein Anfang gemacht,und Herrliches muß in einer Litteratnr hervorblühen, wenn sie alseine Baterlandssache betrachtet wird. Dieser Palriotische Sinn mußfreilich auf eigene Irrtümer führen, meistens in der Poesie und inder Geschichte. Die Poesie wird das Erhebungskolorit tragen, hoffent-lich aber den französischen Zuschnitt verlieren und sich dem Geiste derdeutschen Romantik nahern. — Ein geliebter polnischer Freund sagtemir, um mich besonders zu necken: „Wir haben ebensogut roman-tische Dichter als ihr, aber sie sitzen bei nnS noch — im Tollhanse!" —In der Geschichte kann der politische Schmerz die Polen nicht immerzur Unparteilichkeit führen, und die Geschichte Polens wird sich zueinseitig und zu unverhältnismäßig aus der Universalgeschichte hervor-heben, aber desto mehr wird man auch für Erhaltung alles desjenigenSorge tragen, was für die polnische Geschichte wichtig ist, und diesesum so ängstlicher, da man, wegen der heillosen Weise, wie man mitden Büchern der Warschauer Bibliothek im letzten Kriege verfahren,in Sorge ist, alle polnischen Nationaldenkmale und Urkunden möchtenuntergehen; deshalb, scheint es, hat kürzlich ein Znmoyski eine Biblio-thek für die polnische Geschichte im fernen — Edinburgh gegründet.Ich mache Sie aufmerksam auf die vielen neuen Werke, welche näch-stens die Pressen Warschaus verlassen, und was die schon vorhandenepolnische Litteratnr betrifft, so verweise ich Sie deshalb ans das sehrgeistreiche Werk von Kaulfuß. — Ich hege die größten Erwartungenvon dieser geistigen Umwälzung Polens, und das ganze Volk kommtmir vor wie ein alter Soldat, der sein erprobtes Schwert mit demLorbeer an den Nagel hängt, zu den milderen Künsten deS Friedenssich wendet, den Geschichten der Vergangenheit nachsinnt, die Kräfteder Natur erforscht uud die Sterne mißt, oder gar die Kürze undLänge der Silben, wie wir es bei Carnotch sehen. Der Pole wird
*) Carnot, der Organisator der Siege der französischen Nevolutionsheere,veröffentlichte später im Exil eine Reihe von Dichtungen.