Über Polen. 193
in Berlin, mir daß die Wogen der Weichsel etwas wilder brausen,als die stillen Wasser der seichten Spree.
Von den Weibern gehe ich über zu dein politischen Gemüts-zustande der Polen, und muß bekennen, daß ich bei diesem exaltiertenVolke es immerwährend bemerkte, wie schmerzlich es die Brust despolnischen Edelmanns bewegt, wenn er die Begebenheiten der letztenZeit überschaut. Auch die Brust des Nicht-Polen wird von Mitgefühldurchdrungen, wenn man sich die politischen Leiden aufzählt, die ineiner kleinen Zahl von Jahren die Polen betroffen. Viele unsererJournalisten schaffen sich dieses Gefühl gemächlich vom Halse, indemsie leichthin aussprechen: „Die Polen haben sich durch ihre Uneinig-keit ihr Schicksal selbst zugezogen, und sind also nicht zu bedauern."Das ist eine thörichte Beschwichtigung. Kein Volk, als ein Ganzesgedacht, verschuldet etwas; sein Treiben entspringt einer inneren Not-wendigkeit, und seine Schicksale sind stets Resultate derselben. DemForscher offenbart sich der erhabenere Gedanke: daß die GeschichteHNatur, Gott, Vorsehung u. s. w.), wie mit einzelnen Atenschen, auchmit ganzen Völkern eigene große Zwecke beabsichtigt, und daß mancheVölker leiden müssen, damit das Ganze erhalten werde und blühenderfortschreite. Die Polen, ein slavisches Grenzvolk an der Pforte dergermanischen Welt, scheinen durch ihre Lage schon ganz besondersdazu bestimmt, gewisse Zwecke in den Weltbegebenheitcn zu erfüllen.Ihr moralischer Kamps gegen den Untergang ihrer Nationalität riefstets Erscheinungen hervor, die dem ganzen Bvlke einen andernCharakter aufdrücken, und auch auf den Charakter der Nachbarvölkereinwirken müssen. — Der Charakter der Polen war bisher militärisch,wie ich oben schon bemerkte; seder polnische Edelmann war Soldatund Polen eine große Kriegsschule. Jetzt aber ist dies nicht mehrder Fall, es suchen sehr wenige Militärdienste. Die Jugend Polensverlangt jedoch Beschäftigung, und da haben die meisten ein anderesFeld erwählt als den Kriegsdienst, nämlich — die Wissenschaften.Überall zeigen sich die Spuren dieser neuen Geistesrichtung; durch dieZeit und das Lokal vielfach begünstigt, wird sie in einigen Decennien,wie schon angedeutet ist, dem ganzen Volkscharakter eine neue Gestaltverleihen. Noch unlängst haben Sie in Berlin jenen freudigen Zu-sammenfluß junger Polen gesehen, die mit edler Wißbegier und muster-haftem Fleiße in alle Teile der Wissenschaften eindrangen, besondersdie Philosophie an der Quelle, im Hörsaale Hegels schöpften, undjetzt leider, veranlaßt durch einige unselige Ereignisse, sich von Berlinentfernten. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Polen ihre blindeVorliebe für die französische Littcratnr allmählich ablegen, die langeübersehene tiefere deutsche Litteratnr würdigen lernen, und, wie obenerwähnt ist, just dem tiefsinnigsten deutschen Philosophen Geschmackabgewinnen konnten. Letzteres zeigt, daß sie den Geist unserer Zeit