192 Uber Polen.
zur Begleiterin wählen; in einem nwndbelcnchteten Lindcngnrtcnwählte Wh eine Deutsche. Zn einer Reise dnrch Spanien, Frankreichnnd Italien wünschte ich eine Polin zur Begleiterin; zu einer Reisednrch das Leben wünschte ich eine Deutsche. Muster von Häuslichkeit,Kindcrcrziehung, frommer Demut und allen jenen stillen Tugendender deutschen Frauen wird man wenige unter den Polinnen finden.Jene Hanstugenden finden sich aber auch bei uns meistens nur imBiirgcrstande und einem Teile des Adels, der sich in Sitten nndAnsprüchen dem Bürgerstande angeschlossen. Bei dem übrigen Teiledes deutschen Adels werden oft jene Haustngenden in höhcrem Gradeund auf eine weit empfindlichere Weise vermißt, als bei den Frauendes polnischen Adels. Ja, bei diesen ist es dvch nie der Fall, daßauf diesen Mangel sogar ein Wert gelegt wird, daß man sich etwasdarauf einbildet, wie von so manchen deutschen adeligen Damen ge-schieht, die nicht Geld oder Geisteskraft genug besitzen, um sich überden Biirgerstand zn erheben, und die sich wenigstens durch Verach-tung bürgerlicher Tugenden nnd Beibehaltung nichtskostender altadeliger Gebrechen auszuzeichnen suchen. Auch die Frauen der Polensind nicht ahnenstolz, nnd es fällt keinem polnischen Fräulein ein,sich etwas darauf einzubilden, daß vor einigen hundert Jahren ihr
wegelagernder Ahnherr, der Raubritter, der verdienten Strafe
entgangen ist. — Das religiöse Gefühl ist bei den deutschen Frauentiefer als bei den Polinnen. Diese leben mehr nach außen als nachinnen; sie sind heitere Kinder, die sich vor Heiligenbildern bekreuzen,dnrch das Leben wie dnrch einen schönen Redouten-Saal gaukeln,und lachen nnd tanzen, und liebenswürdig sind. Ich möchte wahrlich nicht Leichtfertigkeit, und nicht einmal Leichtsinn nennen jenenleichten Sinn der Polinnen, der so sehr begünstigt wird durch dieleichten polnischen Sitten überhaupt, durch den leichten französischenTon, der sich mit diesen vermischt, durch die leichte französische Sprache,die in Polen mit Vorliebe und fast wie eine Muttersprache gesprochenwird, und durch die leichte französische Littcratur, deren Dessert, dieRomane, von den Polinnen verschlungen werden; und was die Sitten-rcinhcit betrifft, so bin ich überzeugt, daß die Polinnen hierin dendeutschen Frauen nicht nachzustehen brauchen. Die Ausschweifungeneiniger polnischen Magnntenweiber haben wegen ihrer Großartigkeitzu verschiedenen Zeiten viele Augen auf sich gezogen, und unser Pöbel,wie ich schon oben bemerkt, beurteilt eine ganze Nation nach den paarschmutzigen Exemplaren, die ihm davon zu Gesicht gekommen. Außer-dem muß man bedenken, daß die Polinnen schön sind, nnd daß schöneFrauen aus bekannten Gründen dem bösen Leumund am meistenausgesetzt sind und demselben nie entgehen, wenn sie, wie die Polinnen,freudig dahinleben in leichter, anmutiger Unbefangenheit. GlaubenSie mir, man ist in Warschau um nichts weniger tugendhaft, wie