Über Polen. 191
ich ebenfalls durchaus nicht tadeln. ES ist sogar ein Borzug. EiuCharakter entsteht durch ein System stereotyper Grundsätze. Sindletztere irrig, so wird das ganze Leben desjenigen Menschen, der siesystematisch in seinem Geiste aufgestellt, nur ein großer, langer Irr-tum sein. Wir loben das, und nennen es „Charakter haben", wennein Mensch nach festen Grundsätzen handelt, und bedenken nicht, daßin einem solchen Menschen die Willensfreiheit untergegangen, daßsein Geist nicht fortschreitet, und daß er selbst ein blinder Knechtseiner verjährten Gedanken ist. Wir nennen das auch Konsequenz,wenn jemand dabei bleibt, was er ein für allemal in sich aufgestelltund ausgesprochen hat, und wir sind vst tolerant genug, Narren zubewundern und Bösewichtcr zu entschuldigen, wenn sich nur von ihnensagen laßt, daß sie konsequent gehandelt. Diese moralische Selbstnnter-jochung findet sich aber fast nur bei Männern; im Geiste der Frauenbleibt immer lebendig und in lebendiger Bewegung das Element derFreiheit. Jeden Tag wechseln sie ihre Weltansichtcn, meistens ohnesich dessen bewußt zu sein. Sie stehen des Morgens auf wie un-befangene Kinder, bauen des Mittags ein Gedankensystcm, das wieein Kartenhaus des Abends wieder zusammenfällt. Haben sie heuteschlechte Grundsätze, so Ivette ich darauf, haben sie morgen die aller-besten. Sie wechseln ihre Meinungen so oft wie ihre Kleider. Wennin ihrem Geiste just kein herrschender Gedanke steht, so zeigt sich dasNllererfrenlichste, das Interregnum des Gemüts. Und dieses ist beiden Frauen am reinsten und stärksten, und führt sie sicherer als dieVerstaudes-AbstraktiouSlaternen, die uns Männer so oft irre leiten.Glauben Sie nicht etwa, ich wollte hier den ^clvocmtms cUabolispielen, und die Weiber noch obendrein preisen wegen jenes Charakter-mangels, den unsere Gelbschnäbel und Granschuäbcl — die einendurch Amor, die andern durch Hymen maltraitiert — mit so vielenStoßseufzern beklagen. Auch müssen Sie bemerken, daß bei diesemallgemeinen Ausspruch über die Weiber die Polinnen hauptsächlichgemeint sind, und die deutschen Frauen so halb und halb ausgenommenwerden. Das ganze deutsche Volk hat durch seinen angeborenen Tief-sinn ganz besondere Anlage zu einem festen Charakter, und auch denFrauen hat sich ein Anflug davon mitgeteilt, der durch die Zeit sichimmer mehr und mehr verdichtet, so daß man bei ältlichen deutschenDamen, sogar bei Frauen anS dem Mittelalter, d. h. bei Vierzigerinnen,eine ziemlich dicke, schuppige Charakterhornhaut vorfindet. Unendlichverschieden sind die Polinnen von den deutschen Frauen. Das slavischeWesen überhaupt, und die polnische Sitte insbesondere, mag dieseshervorgebracht haben. In Hinsicht der Liebenswürdigkeit will ich diePolin nicht über die Deutsche erheben — sie sind nicht zu vergleichen.Wer null eine Venus von Tizian über eine Marin von Corrcggiosetzen? In einem sonnenhellen Blumenthale würde ich mir eine Polin