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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
189
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Uber Polen.

tnng ihrer Nationalität. Dieses Todesznckcn des polnischen Volks-körpers ist ein entsetzlicher Anblick! Aber alle Völker Enropas undder ganzen Erde werden diesen Todeskampf überstehen müssen, damitans dein Tode das Leben, aus der heidnischen Nationalität die christ-liche Fraternität hervorgehe. Ich meine hier nicht alles Aufgebenschöner Besonderheiten, worin sich die Liebe am liebsten abspiegelt,sondern jene von uns Deutschen am meisten erstrebte und von unserenedelsten Bolkssprechcrn Lcssing, Herder, Schiller n. s. w. am schönstenausgesprochene allgemeine Mcnschenverbrüdcrung, das Urchristentum.Von diesem sind die polnischen Edclleutc, ebensogut wie wir, nochsehr entfernt. Ein großer Teil lebt noch in den Formen des Katholi-zismus, ohne leider den großen Geist dieser Formen und ihrenjetzigen Übergang zum Weltgeschichtlichen zu ahnen; ein größerer Teilbekennt sich zur französischen Philosophie. Ich will hier diese gewißnicht verunglimpfen, es giebt Stunden, Ivo ich sie verehre, und sehrverehre; ich selbst bin gewissermaßen ein Kind derselben. Aber ichglaube doch, es fehlt ihr die Hauptsache die Liebe. Wo dieserStern nicht leuchtet, da ist es Nacht, und wenn auch alle Lichter derEncyklopädie ihr Brillantfener nmhcrsprühen. Wenn VaterlanddaS erste Wort dcS Polen ist, so ist Freiheit das zweite. Ein schönesWort! Nächst der Liebe gewiß das schönste. Aber es ist auch nächstder Liebe das Wort, daS am meisten mißverstanden wird und ganzentgegengesetzten Dingen zur Bezeichnung dienen muß. Hier ist dasder Fall. Die Freiheit der meisten Polen ist nicht die göttliche, dieWashingtonsche; nur ein geringer Teil, nur Männer wie Koscinskohaben letztere begriffen und zu verbreiten gesucht. Viele zwar sprechenenthusiastisch von dieser Freiheit, aber sie machen keine Anstalt, ihreBauern zu cmancipieren. DaS Wort Freiheit, das so schön und voll-tönend in der polnischen Geschichte durchklingt, war nur der Wahl-spruch des Adels, der dem Könige so viel Rechte als möglich ab-znzwängen suchte, um seine eigene Macht zu vergrößern und anssolche Weise die Anarchie hervorzurufen, (ü'stait tont oomnrs ebkwnons, wo ebenfalls deutsche Freiheit einst nichts anderes hieß, als denKaiser zum Bettler machen, damit der Adel desto reichlicher schlemmenund desto willkürlicher herrschen konnte; und ein Reich mußte untergehen, dessen Bogt auf seinem Stuhle festgebunden war, und endlichnur ein Hvlzschwcrt in der Hand trug.- In der That, die polnischeGeschichte ist die Miniatnrgeschichte Deutschlands; nur daß in Polendie Großen sich vom Reichsobcrhanptc nicht so ganz losgerissen undselbständig gemacht hatten, wie bei uns, und daß durch die deutscheBedächtigkeit doch immer einige Ordnung in die Anarchie hincin-gclangsamt wurde. Hätte Luther, der Mann Gottes und Katharinas,vor einem Krakauer Reichstage gestanden, so hätte man ihn sichernicht so ruhig wie in Augsburg aussprechen lassen. Jener Grundsatz

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