Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
183
Einzelbild herunterladen
 

Über Polen. 186

die man gar nicht kennt, so mich man gestehen, daß der polnischeBaner im eigentlichen Sinne nicht unglücklich ist; nm so mehr, daer gar nichts hat, folglich in der großen Sorglosigkeit, die ja vonvielen als das höchste Glück geschildert wird, sein Leben dahinlebt.Aber es ist keine Ironie, wenn ich sage, daß, im Fall man jetzt diepolnischen Bauern plötzlich zu selbständigen Eigentümern machte, siesich gewiß bald in der unbehaglichsten Lage von der Welt befindenund manche gewiß dadurch in größeres Elend geraten würden. Beiseiner jetzt zur zweiten Natur gewordenen Sorglosigkeit würde derBauer sein Eigentum schlecht verwalten, und träfe ihn ein Unglück,wäre er ganz und gar verloren. Wenn jetzt ein Mißwachs ist, somuß der Edelmann dem Bauer von seinem Getreide schicken; es wäreja sonst sein eigener Verlust, wenn der Bauer verhungerte oder nichtsäen könnte. Er muß ihm aus demselben Grunde ein neues StückVieh schicken, wenn der Ochs oder die Kuh des Bauers krepiert ist.Er giebt ihm Holz im Winter, er schickt ihm Arzte, Arzeneien, wenner oder einer von der Familie krank ist; kurz, der Edelmann ist derbeständige Vormund desselben. Ich habe mich überzeugt, daß dieseVormundschaft von den meisten Edellcnten sehr gewissenhaft und licb-reich ausgeübt wird und überhaupt gefunden, daß die Edellente ihreBauern milde und gütig behandeln; wenigstens sind die Reste deralten Strenge selten. Viele Edellente wünschen sogar die Selbstän-digkeit der Bauern der größte Mensch, den Polen hervorgebracht,und dessen Andenken noch in allen Herzen lebt, Thaddäus Kvsciusko,war ein eifriger Beförderer der Banern-Emancipation, und die Grund-sätze eines Lieblings dringen unbemerkt in alle Gemüter. Außerdemist der Einfluß französischer Lehren, die in Polen leichter als irgendwoEingang finden, von unberechenbarer Wirkung für den Zustand derBauern. Sie sehen, daß es mit letzteren nicht mehr so schlimm steht,und daß ein allmähliches Sclbständigwerden derselben wohl zu hoffenist. Auch die preußische Regierung scheint dies durch zweckmäßigeEinrichtungen nach und nach zu erzielen. Möge diese begütigendeAllmahlichkcit gedeihen; sie ist gewisser, zeitlich nützlicher, als die zcr-störnngssüchtigc Plötzlichkeit. Aber auch das Plötzliche ist zuweilengut, wie sehr man dagegen eifere.

Zwischen dem Bauer und dem Edelmann stehen in Polen dieJuden. Diese betragen fast mehr als den vierten Teil der Bevöl-kerung, treiben alle Gewerbe, und können füglich der dritte StandPolens genannt werden. Unsere Statistik-Kompendienmacher, die analles den deutschen, wenigstens den französischen Maßstab legen,schreiben also mit Unrecht, daß Polen keinen tiors etat habe, weil