182 Über Polen.
Der polnische Bauer tragt noch seine Nationaltracht: eine Jacke ohneÄrmel, die bis zur Mitte der Schenkel reicht, darüber einen Oberrvck,mit hellen Schnüren besetzt. Letzterer, gewöhnlich von hellblauer odergrüner Farbe, ist das grobe Original jener feinen Polenröcke unsererElegants. Den Kopf bedeckt ein kleines, rundes Hütchen, weiß ge-rändert, oben wie ein abgekappter Kegel spitz zulaufend, und vornmit bunten Bandschleifen oder mit einigen Pfauenfedern geschmückt.In diesem Kostüm sieht man den polnischen Bauer des Sonntagsnach der Stadt wandern, um dort ein dreifaches Geschäft zu ver-richten: erstens, sich rasieren zulassen; zweitens, die Messe zu hören:und drittens, sich voll zu saufen. Den, durch das dritte Geschäftgewiß Seliggcwvrdenen sieht man des Sonntags, alle Viere ausgestreckt,in einer Straßengosse liegen, sinnebernnbt und umgeben von einemHansen Freunde, die in wehmütiger Gruppierung die Betrachtungzu machen scheinen, daß der Mensch hienicden so wenig vertragenkann! Was ist der Mensch, wenn — drei Kannen Schnaps ihn zuBoden werfen! Aber die Polen haben es doch im Trinken über-menschlich weit gebracht. — Der Bauer ist von gutem Körperbau,starkstämmig, soldatischen Ansehens, und hat gewöhnlich blondes Haar;die meisten lassen dasselbe lang herunter wallen. Dadurch haben soviele Bauern dieUUoa, polonion sWeichsclzopf), eine sehr anmutigeKrankheit, womit auch nur hoffentlich einst gesegnet Vierden, wenndas Langehaartum in den deutschen Gauen allgemeiner wird. DieUnterwürfigkeit des polnischen Bauers gegen den Edelmann istempörend. Er beugt sich mit dem Kopf fast bis zu den Füßen desgnädigen Herrn, und spricht die Formel: „Ich küsse die Füße." Werden Gehorsam personifiziert haben will, sehe einen polnischen Bauervor seinem Edelmann stehen; es fehlt nur der wedelnde Hnndeschwcif.Bei einem solchen Anblick denke ich unwillkürlich: Und Gott erschufden Menschen nach seinem Ebenbildc! — und es ergreift mich einunendlicher Schinerz, wenn ich einen Menschen vor einem andern sotief erniedrigt sehe. Nur vor dem Könige soll man sich beugen; bisans dieses letztere Glaubensgesetz bekenne ich mich ganz zum nord-nmcrikanischcn Katechismus. Ich leugne es nicht, daß ich die Bäumeder Flur mehr liebe als Stammbäume, daß ich das Mcnschenrcchtmehr achte als das kanonische Recht, und daß ich die Gebote der Ver-nunft höher schätze als die Abstraktionen kurzsichtiger Historiker; wennSie mich aber fragen: ob der polnische Bauer wirklich unglücklich ist,und ob seine Lage besser wird, wenn jetzt aus den gedrückten Hörigenlauter freie Eigentümer gemacht Vierden? so müßte ich lügen, sollteich diese Frage unbedingt bejahen. Wenn man den Begriff vonGlücklichscin in seiner Relativität auffaßt und sich wohl merkt, daßes kein Unglück ist, wenn man von Jugend ans gewöhnt ist, denganzen Tag zu arbeiten und LcbenSbeqncmlichkeiten zu entbehren,