184 Über Polen.
dort dieser Stand von den übrigen schroffer abgesondert ist, weil seineGlieder am Mißverständnis des alten Testaments — — Gefallenfinden — — — und weil dieselben vom Ideal gemütlicher Bürger-lichkcit, wie dasselbe in einem Nürnberger Francn-Taschenbuche, unterdem Bilde reichsstädtischer Philiströsität, so niedlich und sonntäglichschmuck dargestellt wird, äußerlich noch sehr entfernt sind. Sie sehenalso, daß die Juden in Polen durch Zahl und Stellung von größererstaatswirtschafllicher Wichtigkeit sind, als bei uns in Deutschland, unddaß, um Gediegenes über dieselben zu sagen, etwas mehr dazu gehört,als die großartige Leihhaus-Anschauung gefühlvoller Romanschreiberdes Nordens, oder der natnrphilvsophische Tiefsinn geistreicher Laden-dicner des Südens. Man sagte mir, daß die Juden des Großhcrzog-tnms auf einer niedrigeren Humanitätsstnfe ständen, als ihre oftlichercn Glanbensgenossen; ich will daher nichts Bestimmtes von pol-nischen Juden überhaupt sprechen und verweise Sie lieber auf DavidFriedländerS: „Über die Verbesserung der Israeliten (Inden) imKönigreich Polen; Berlin 1819". Seit dem Erscheinen dieses Buches,das, bis auf eine zu ungerechte Verkennung der Verdienste und dersittlichen Bedeutung der Rabbinen, mit einer seltenen Wahrhcits- undMenschenliebe geschrieben ist, hat sich der Zustand der polnischen Judenwahrscheinlich nicht gar besonders verändert. Im Großhcrzogtumsollen sie einst, wie noch im übrigen Polen, alle Handwerke aus-schließlich getrieben haben; jetzt aber sieht man viele christliche Hand-werker aus Deutschland einwandern, und auch die polnischen Bauernscheinen an Handwerken und andern Gewerben mehr Geschmack zufinden. Seltsam aber ist es, daß der gemeine Pole gewöhnlich Schusteroder Bierbrauer und Branntweinbrenner wird. In der Walischci,einer Vorstadt Posens, fand ich das zweite HauS immer mit einemSchuhmacher-Schilde verziert, und ich dachte an die Stadt Bradfordin Shakespeares „Flurschütz von Wakefield". Im preußischen Polenerlangen die Juden kein Staatsamt, die sich nicht taufen lassen; imrussischen Polen werden auch die Juden zu allen Staatsämtern zugelassen, weil man es dort für zweckmäßig hält. Übrigens ist derArsenik in den dortigen Bergwerken auch noch nicht zu einer überfrommen Philosophie sublimiert, und die Wölfe in den altpolnischenWäldern sind noch nicht darauf abgerichtet, mit historischen Citatenzu heulen.
Es wäre zu wünschen, daß unsere Regierung durch zweckmäßigeMittel den Juden des Grvßherzogtums mehr Liebe zum Ackerbanceinzuflößen suchte; denn jüdische Ackerbauer soll es hier nur sehrwenig geben. Im russischen Polen sind sie häufig. Die Abneigunggegen den Pflug soll bei den polnischen Juden daher entstanden sein,weil sie ehemals den leibeigenen Bauer in einem äußerlich so sehrtraurigen Zustande sahen. Hebt sich jetzt der Bauernstand aus seiner