174 Briefe ans Verlin,
dort. Ein wissenschaftlich gebildeter Mann, Or. Böhringen, führt dieAufsicht über dieses Zimmer nnd weiß sich dem Besucher desselbendurch zuvorkommende Artigkeit zu verpflichten, Josty bcsvrgt dieRestauration und die Konditorei, Die Aufwarten tragen alle brauneLivreen mit goldenen Tressen, und der Portier imponiert besondersdurch seinen großen Marschallstab, — Die Bauten unter den Linden,wodurch die Wilhelmstraßc verlängert wird, haben raschen Fortgang.Es werden herrliche Säulengänge. Diese Tage wurde auch der Grund-stein zu der neuen Brücke gelegt, — In der musikalischen Welt istes sehr still. Es geht der (Zapituls Us la. musigus wie jeder andernLuxituls: man konsumiert in derselben, was in der Provinz Pro-duziert wird. Außer dem jungen Felix Mendelssohn, der nach demUrteile sämtlicher Musiker ein musikalisches Wunder ist und ein zweiterMozart werden kann, wüßte ich unter den hier lebenden AutochthoncnBerlins kein einziges Musikgcnie aufzufinden. Die meisten Musiker,die sich hier auszeichnen, sind aus der Provinz, oder gar Fremde,Es macht mir ein unaussprechliches Vergnügen, hier erwähnen zumüssen, daß unser Landsmann, Joseph Klein, der jüngere Bruderdes Komponisten, von dem ich in meinem vorigen Briefe sprach, zuden größten Erwartungen berechtigt. Dieser hat vieles komponiert,das von Kennern gelobt wird. Nächstens werden Liederkompositivnenvon ihm erscheinen, die hier großen Beifall finden, und in vielenGesellschaften gesungen werden. Es liegt eine überraschende Origi-nalität in den Melodien derselben, sie sprechen jedes Gemüt an, nndes ist vorauszusehen, daß dieser junge Künstler einst einer der be-rühmtesten deutschen Komponisten wird, — Spvntini verläßt unsans lange Zeit, Er reist nach Italien, Er hat seine „Olympia"nach Wien geschickt, die aber dort nicht aufgeführt wird, weil sie zuviele Kosten verursache, — Die italienischen Bnffvs haben sich hiernur noch einige Tage aufgehalten, — Unter den Linden sind Wachs-figuren zu sehen, — Auf der Königsstrahc, Pvststraßcnecke, werdenwilde Tiere und eine Minerva gezeigt, — Fonts Prozeß ist hierebenfalls ein Thema der öffentlichen Unterhaltung. Die sehr schöngeschriebene Broschüre von Krenser hat hier zuerst die Aufmerksamkeitans denselben geleitet. Hierauf kamen noch mehrere Broschüren her,die alle für Fonk sprachen. Hierunter zeichnete sich auch aus dasBuch vom Frcihcrrn v, d. Lehen, Diese Bücher, nebst den in der„Abendzeitung" nnd im „Konvcrsationsblattc" enthaltenen Aufsätzenüber den Fonkschen Prozeß nnd dem Werke deS Angeklagten selbst,verbreiteten hier eine günstige Meinung für Fonk, Personen, dieauch heimlich gegen Fonk sind, sprechen doch öffentlich für ihn, undzwar aus Mitleid gegen den Unglücklichen, der schon so viele Jahregelitten. In einer Gesellschaft erwähnte ich die fürchterliche Lageseines schuldlosen Weibes und die Leiden ihrer rechtschaffenen, geachteten