Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
173
Einzelbild herunterladen
 

Briefe aus Berlin. 173

Liebe für Korrektheit und Decenz ist er fast zu streng. Doch denkenSie sich hier keinen Pedanten. Es ist ein Mann in seinen bestenJahren, unbefangen, lebensfreudig, enthusiastisch für alles Herrliche,und auch in seiner Persönlichkeit lebt jener heitere, anakrcontische Geist,der in seinen Poesien so charakteristisch hervortritt. — Wir habenhier vor kurzem noch eine Wochenschrift bekommen, die, in der Volks-sphäre sich bewegend, vom Lieutenant Leithold, der kürzlich seine Reisenach Brasilien herausgegeben, redigiert wird, „Kuriositäten und Rari-täten" betitelt ist, und ein naives Motto führt. „Der Beobachter ander Spree" und „Der märkische Bote" sind hier die besten Volks-blätter. Letzteres ist mehr für die gebildete Klasse. Ich fand mitVerwunderung, daß ein Teil meines zweiten Briefes aus dem „An-zeiger" darin nochmals abgedruckt war. Ich bin zwar empfindlichfür diese Ehre und für das beigefügte Lob, aber ich wäre schier ingroßes Malheur dadurch gekommen, wenn nicht die hiesige galanteCcnsnr das gestrichen hätte, was ich von den Berlinerinnen gesagt.Wenn diese Engel letzteres gelesen hätten, wären mir die Blumen-körbchen schockweise an den Kopf geflogen. Doch hätte ich mich auchin diesem Falle nicht nach der Händedrücke verfügt; das schöne Fräu-lein Fortuna hat mir längst einen so großen eisernen Korb gegeben,daß ich ihn kaum, füllen könnte mit den Körbchen aller Damen derSpreestadt. — Eine Schlange, und zwar eine höchst seltene, ist jetztfür acht Groschen zu sehen, Sir. 24 unter den Linden. Ich bemerkeIhnen bei dieser Gelegenheit, daß ich dort ausgezogen bin. Blondinmit seiner Gesellschaft gicbt vor dem Brandenburger Thvre noch immerseine hübschen und vielbesuchten Vorstellungen in der edleren Reit-kunst. Er läßt Kolumbus in Otaheiti landen. — Bvsko hat endlichauch seine vorletzten, letzten und allerletzten Vorstellungen beendigt,und hat auch einige für die Armen gegeben. Man sagt, er ahmteBoucher nach; das ist aber nicht wahr, Boucher hat ihn, den Jong-leur, nachgeahmt. Die Statuen von Bülvw und Scharnhorst werdendieser Tage an beiden Seiten der neuen Wache aufgestellt. Sie sindjetzt in Rauchs Atelier zu sehen. Ich habe sie dort schon früher inAugenschein genommen und fand sie schön. Blüchers Bildsäule vonRauch, die in Breslau aufgestellt werden soll, ist jetzt dahin ab-gegangen. — Die neue Börsenhalle habe ich gesehen. Sie ist herrlicheingerichtet. Eine Menge geräumiger, prächtig dekorierter Zimmer,alles großartig angelegt. Man sagte mir, daß der edle, kunstsinnigeSohn des großen Mendelssohn, Joseph Mendelssohn, der Schöpferdieses Instituts sei. Berlin hat lange ein solches entbehrt. Nichtallein Kanflcnte, sondern auch Beamte, Gelehrte und Personen ausallen Ständen besuchen die Börscnhalle. — Besonders anziehend istdas Lesezimmer, worin ich über hundert deutsche und ausländischeJournale vorfand. Auch unseren „Westfälischen Anzeiger" sah ich