172 Briefe ans Berlin.
kleine eiserne Medaillen, worauf ihr Bildnis geprägt ist. Ich sageIhnen, der Enthusiasmus für die Nenmann grassiert hier wie eineViehseuche. Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich selbst seineEinflüsse. Mir klingen noch die begeisterten Worte in die Ohren,womit gestern ein Graukopf von ihr sprach. Konnte doch Homeruns die Schönheit Helenas nicht stärker schildern, als indem er zeigt,wie Greise bei ihrem Anblick in Entzücken gerieten. Sehr viele Medi-ziner machen ebenfalls der schönen Frau den Hof, und man nenntsie hier scherzweise die „Medizinische Venus". Aber was brauche ichso viel zu erzählen, Sie haben ja gewiß unsere Theaterkritiken gelesenund bemerkt, wie sich ordentlich ein Metrum darin bewegt, und zwardas der Sapphischen Ode an die Venus. Ja, sie ist eine Venus,oder, wie ein Altvnacr Kaufmann sagte, eine Venussin. Nur dervermaledeite Setzer wirft zuweilen einen Wespenstachel in die Schalehymettischen Honigs, die der fromme Recensent unserer Göttin opfert.Das nachhelfende Jntelligenzblatt (der Titel dieses Blattes ist Ironie)berichtigt folgenden Druckfehler: In der Rccension über das Gastspielder Madame Neumann Nr. 63 der „Spenerschcn Zeitung" vom 25. Maimuß Zeile 26 statt „von leicht bewegtem Minnespiel", „von leichtbewegtem Mienenspiel" gelesen werden. — Gestern spielte die schöneFrau in Claurens neuem Lustspiele: „Der Bräutigam ans Mexiko".In diesem Stücke gaukelt auf eine höchst anmutige Weise eine leichte,originelle, fast märchenhafte Heiterkeit, die jedem Freund froher Launeansprechen muß. Dieses Stück hat auch vielen gefallen, sowie über-haupt alles, was auS der Feder dieses Schriftstellers kommt, hiererstaunlichen Beifall findet. Seine Schriften haben viele Gegner, abersie erleben eine Auflage nach der andern.
Auf den: Alexandcrplatze wird ein Vvlkstheater errichtet. EinMann, der Cerf heißt, hatte ein Privilegium dazu erlangt, ist aberdavon abgetreten, und bekommt ein Abtrittsgeld von 3666 Thalernjährlich. Der ehemalige Schauspieler Bethmanu hat die Leitung über-nommen. Wie ich höre, ist dem Professor Gubitz die Direktion despoetischen Teils dieses Theaters angeboten worden. Es wäre zuwünschen, daß sich derselbe diesem Geschäfte unterzöge, da er die Bühneund ihre Ökonomie ganz genau kennt, zu gleicher Zeit berühmt istals Theaterdichter, Kritiker und Meister der zeichnenden Künste, undin dieser Vielseitigkeit alles das verbindet, was zu einer solchen Direk-tion notwendig wäre. Aber man zweifelt, daß er sie annehmen wird,da die Redaktion des „Gesellschafters", für den er ganz leibt und lebt,ihn zu sehr beschäftigt. Letzteres Blatt hat großen Absatz, ich glaube1366 Exemplare, wird hier mit erstaunlich großem Interesse gelesen,und kann wohl das gehaltreichste und beste in ganz Deutschland ge-nannt werden. Gübitz redigiert es mit einem Eifer und einer Ge-wissenhaftigkeit, die oft an Ängstlichkeit grenzt. Nämlich in seiner