Briefe aus Berlin. 171
hebt sich mutig wie Johanna twn Montfancon, und spricht: „Ichbin eine deutsche Jungfrau."
Ich merke, mein Lieber, Sie sehen mich etwas sauer an wegendes bitteren, spottenden Tones, womit ich zuweilen von Dingen spreche,die andern Leuten teuer sind und teuer sein sollen. Ich kann abernicht anders. Meine Seele glüht zu sehr für die wahre Freiheit,als daß mich nicht der Unmut ergreifen sollte, wenn ich unsere win-zigen, brcitschwatzendcn Freihcitshelden in ihrer aschgrauen Armscligkcit betrachte; in meiner Seele lebt zu sehr Liebe für Deutschlandund Verehrung deutscher Herrlichkeit, als daß ich einstimmen konntein das unsinnige Gewäsche jener Pfennigsmenschcn, die mit demDeutschtumc kokettieren; und zu mancher Zeit regt sich in mir fastkrampfhaft das Gelüste, mit kühner Hand der alten Lüge den Heiligen-schein vom Kopfe zu reißen und den Löwen selbst an der Haut zuzerren, — weil ich einen Esel darunter vermute.
Vom Schauspiel will ich Ihnen auch diesmal wenig schreiben.Der Komiker Walter hat hier einigen Beifall gehabt; was mich be-trifft, so kann ich seinen Humor nicht gvutiercn. Dagegen hat michLebrnn aus Hamburg, der hier vor kurzem einige Gastrollen gab,wahrhaft entzückt. Er ist einer unserer besten deutschen Komiker,unübertrefflich in jovialen Rollen, und verdient ganz jenen Beifall,den ihm hier alle Kenner zollten. Karl August Lebrnn ist ganz zumSchauspieler geboren, die Natur hat ihn mit allen Talenten, die zudiesem Stande gehören, in vollem Maße ausgerüstet, und die Kunsthat dieselben ausgebildet. Aber was soll ich von der Nennianu sagen,die alle Berliner bezaubert, und sogar die Neecnscnten? Was nichtalles ein schönes Gesicht thut? Es ist ein Gliick, daß ich kurzsichtigbin, sonst hätte diese Circe mich ebenso in ein graues Ticrleiu ver-wandelt, wie einen meiner Freunde. Dieser Unglückliche hat jetzt solange Ohren, daß das eine in der „Vvssischen Zeitung" und dasandere in der Hände- und Spenerschen zum Vorschein kommt. EinigeJünglinge hat diese Dame schon toll gemacht; einer derselben ist schonwasserscheu und macht keine Verse mehr. Jeder fühlt sich glücklich,wenn er der schönen Frau naher kommen kann. Ein Gymnasiasthat sich in dieselbe platonisch verliebt, und hat ihr eine kalligraphischeProbe seiner Handschrift zugeschickt. Ihr Mann ist auch Schauspieler,und glänzte wie Glanzlcinen in „Kabeljau und Hiebe". Die guteFrau muß gewiß vom vielen Zuspruch ihrer Bewunderer belästigtwerden. Man erzählt, ein kranker Mann, der neben ihr wohnt, habekeine Ruhe gehabt vor all den Menschen, die jeden Augenblick seinZimmer aufgerissen und fragten: „Wohnt hier Madame Ncumann?"und er habe endlich auf seine Thüre schreiben lassen: „Hier wohntMadame Neumann nicht."
Man hat sogar die schöne Frau in Eisen gegossen, und verkauft