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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
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170 Briefe aus Berlin.

Saale herrschte, mit einem Glase Limonade die Zunge zu kühlen.Der König und der ganze Hof waren auf dieser Redoute. Der An-blick der Neuvermählten entzückte alle Anwesenden. Sic glänzte mehrdurch ihre Liebenswürdigkeit, als durch ihren reichen Diamanten-schmuck. Unser König trug ein bläulich dunkles Domino. Die Prinzentrugen meistens altspanische und ritterliche Tracht.

Ich habe längst bemerkt, daß über die Rangordnung, womit ichIhnen die hiesigen Begebnisse melde, bloß meine Laune entscheidet,und nicht die Aucienuctät. Wollte ich letzterer folgen, so hätte ichmeinen Brief mit Gehcimrat Heims Jubiläum anfangen müssen.Aus den Zeitungen »Verden Sie hinlänglich erfahren haben, wie manhier diesen verdienten Arzt gefeiert. Zwei ganze Tage sprach mandavon in Berlin, das will viel sagen, liberal! hörte man Anekdotenaus Heims Leben erzählen, von denen einige ganz ergötzlich sind.Die drolligste derselben schien mir die Art, wie er seinen Kutschermystifiziert, als ihm derselbe einstmals erklärte, er habe ihn seht solange Zeit schon herumgefahren, er wünsche jetzt auch Arzt zu werdenund das Kurieren zu lernen. Mehrere andere Dicnstjubiläen fandenebenfalls statt, und bei Jagor sprangen die Stöpsel der Champagner-flascheu. Überhaupt, ehe man sich dessen versieht, haben die Leutehier 50 Jahre abgedient. Das thut das Klima. — Auch eine Dienst-magd hat ihr Jubiläum gehalten, und in der „Eleganten" ist zulesen, wie die Jubelmagd gefeiert und besungen wurde. Sogar eineMatrone aus der Unschuldsgasse hat, wie ich gestern höre, ihr Jubi-läum gefeiert. Sie wurde mit Roseu und Lilien bekränzt; ein ge-fühlvoller Portepee-Jüngling überreichte ihr ein Kraftsonett, ganz imGeiste der gewöhnlichen Jubelpocsic, worin Liebe, Triebe, riebe, schiebesich reimten, und zwölf Jungfrauen sangen»

„Du Schwert an meiner Linken,

Was soll dein heitres Blinken?" :c. :c.

Sie sehen, Theodor Körners Gedichte werden noch immer gesungen.Freilich nicht in den Kreisen des guten Geschmacks, wo man es sichschon laut gestanden, daß es ein besonderes Glück war, daß Anno 1814die Franzosen kein Deutsch verstanden und nicht lesen konnten jenefaden, schalen, flachen, poesielosen Verse, die uns Deutsche so sehrenthusiasmierten. Aber diese Befrciungsverse werden noch oft dekla-miert und gesungen in jenen gemütlichen Kränzchen, wo mau sichdes Winters wärmt an dem unschuldigen Strohfeuer, das in diesenpatriotischen Liedern knistert; und wie der greise Schimmel des großenFriedrich wieder jugendlich sich bäumte und das ganze Manövermachte, wenn er eine Trompete hörte, so steigt das Hochgefühl mancherBerlinerin, wenn sie ein Körnersches Lied hört; sie legt die Handgraziöse auf den Busen, quietscht einen bodenlosen Wonneseufzer, er-