Briefe aus Berlin.
lüg
nicht sein. Spontini hat viele Musikstücke seiner älteren Oper hinein-geflickt. Dadurch enthält diese Oper freilich sehr gute Stellen, aberdas Ganze hat ein zusammengestöppeltes Ansehen, und entbehrt jeneKonsequenz und Einheit, die das Hanptverdienst der übrigen Spon-tinischcn Opern ist. — Die hohen Neuvermählten wurden mit all-gemeinem Aufjauchzen empfangen. Die Pracht, die in diesem Stückeeingewebt ist, soll unvergleichlich sein. Der Dekorationsmaler undder Theatcrschneider haben sich selbst übertroffen. Der Theaterdichterhat die Verse gemacht, folglich müssen sie gut sein. Elefanten sindkeine zum Vorschein gekommen. Die „Staatszeitnng" vom 4. Junirügt einen Artikel der „Magdeburger Zeitung", worin stand, daßzwei Elefanten in der neuen Oper erscheinen sollten, und bemerktmit Shakcspearcschem Witze: „Diese Elefanten sollen sich vorgeblichnoch in Magdeburg verhalten." Hat die „Magdeburger Zeitung"diese Notiz aus meinem zweiten Briefe geschöpft, so bcdaurc ich mittiefem Seelcnschmerz, daß ich Unglücklicher ihr diesen Witzblitz zu-gezogen. Ich widerrufe, und zwar mit so de- und wehmütiger Ge-bärde, daß die „Staatszeitung" Thrttnen der Rührung weinen soll.Überhaupt erkläre ich ein- für allemal, daß ich bereit bin, alles zuwiderrufen, was man von mir verlangt; nur darf es mir nicht vielMühe kosten. Daß zwei Elefanten im „Roscnfeste" vorkommenwürden, hatte ich wirklich selbst gehört. Nachher sagte man mir, eswären nur zwei Kamele, später hieß es, zwei Studenten kämen drinvor, und endlich sollten es Unschuldsengel sein. — Den 28. war Frei-redvutc. Schon um halb neun fuhren MaSkcn nach dem Opern-Hause. — Ich habe im vorigen Briefe eine hiesige Redoute beschrieben.Sie unterschied sich diesmal nur dadurch, daß keine schwarze Dominoszugelassen wurden, daß alle Anwesende in Schuhen waren, daß mansich um ein Uhr im Saale demaskieren konnte, und daß die Einlaß-billcte und Erfrischungen gratis gegeben wurden. Letzteres war wohldie Hauptsache. Wenn ich nicht den festen Glanben in der Brusttrüge, daß die Berliner Muster von Bildung und feinem Betragensind, und mit Recht auf die Ungeschliffenheit meiner Landsleute ver-ächtlich herabschauen; wenn ich mich nicht bei vielen Gelegenheitenüberzeugt hätte, daß der poverste Berliner es im anständigen Hunger-leiden sehr weit gebracht hat, und meisterhaft darauf eingeübt ist,den schreienden Magen in die Formen vornehmer Kvnvenienz ein-zuzwängen: so hätte ich von den Leuten hier sehr leicht eine ungün-stige Meinung fassen können, als ich bei dieser Freiredoute sah/wiesie das Büffett sechs Mann hoch umdrängten, sich Glas nach Glasin den Schlund gössen, sich den Magen mit Kuchen anstopften, unddas alles mit einer ungraziösen Gefräßigkeit und heroischen Beharr-lichkeit, daß es einem ordentlichen Mcnschenkinde fast unmöglich war,jene Büffettphalanx zu durchbrechen, um bei der Schwüle, die im