168 Briefe ans Berlin,
sehr witzig ist, und deshalb kursiert jeder gute Einfall gleich unterdem Namen des Kronprinzen, und einem Herkules mit derschlagen-den Witzkeule werden die Witze aller übrigen Herkulesse zugeschrieben.
Sie können sich also vorstellen, wie sehr hier die schöne, leuch-tende Alexandrine geliebt sein muß; und aus dieser Liebe könnenSie sich auch den Widerspruch erklären, der ans den Gesichtern derBerliner lag, als sie erwartungsvoll nach den hohen Schloßsensternsahen, wo unsere Alexandrine vermählt wurde, Verdruß durften sienicht zeigen; denn es war der Ehrentag der geliebten Prinzessin,Recht freuen konnten sie sich auch nicht; denn sie verloren dieselbe.Neben mir stand ein Mütterchen, auf dessen Gesicht zu lesen war:„Jetzt habe ich sie freilich verheiratet, aber sie verläßt mich jetzt,"Auf dem Gesichte meines jugendlichen Nachbars stand: „Als Herzoginvon Mecklenburg ist sie doch nicht so viel, wie sie als Königin allerHerzen war," Ans den roten Lippen einer hübschen Brünette lasich: „Ach, war' ich schon so weit!" — Da donnerten plötzlich dieKanonen, die Damen zuckten zusammen, die Glocken läuteten, Staub-und Dampfwolkcn erhoben sich, die Jungen schrieen, die Leute trabtennach Hause, und die Sonne ging blutrot unter hinter Monbijou,
Besonders lärmig waren die Vermählungsseierlichkeiten nicht.Den Morgen nach der Trauung wohnten die hohen Neuvermähltendem Gottesdienste in der Domkirche bei, Sie fuhren in der acht-spännigcn goldenen Kutsche mit großen Glasfenstern, und wurdenvon einer gewaltigen Menschenmenge bestaunt. Wenn ich nicht irre,trugen die obigen Bedienten an diesem Tage keine Haarbeutel, DesAbends war Gratulationscour, und hierauf Polonaisenball im weißenSaale, Den 27, war Mittagstafel im Rittersaals, und des Abendsverfügten sich die hohen und höchsten Personen nach dein Opernhause,wo die von Spontini zu diesem Feste eigens komponierte Oper:„Nurmahal, oder das Rosenfest im Kaschemir" gegeben wurde. Eskostete den meisten Leuten viele Mühe, Billete zu dieser Oper zu er-langen, Ich bekam eins geschenkt, aber ich ging doch nicht hin. Ichhätte es zwar thun sollen, um Ihnen darüber zu referieren. Aberglauben Sie, daß ich mich für meine Korrespondenz aufopfern soll?Mit Grausen denke ich noch an die „Olympia", der ich kürzlich auseinem besonderen Grunde nochmals beiwohnen mußte, und die michmit fast zerschlagenen Gliedern entließ. Ich bin aber zum Kammer-musikus gegangen, und fragte ihn, was an der Oper sei? Der ant-wortete: „Das beste dran ist, daß kein Schuß drin vorkömmt," Dochkann ich mich hierin auf den Kammermusikns nicht verlassen; dennerstens komponiert er auch, und nach seiner Meinung besser als Spon-tini, und zweitens hat man ihm weisgemacht, daß letzterer eine Opermit obligaten Kanonen schreiben wolle. Man spricht aber überhauptnicht viel Gutes von der „Nurmahal", Ein Meisterstück kann sie