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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
166
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166 Briefe ans Berlin.

knppchcn mit langem Schirm bedeckt. Ganz auf gleiche Weise warendie vier Bedienten gekleidet, die hinten auf dem Wagen standen, sichmit brüderlicher Umschlingung einer an dem andern festhielten, nnddem gaffenden Publikum vier wackelnde Haarbcutcl zeigten. Aberer lrug die gewöhnliche Herrscherwürde im Antlitz, er dirigierte diesechsspännige Staatskarvsse, zerrend zog er die Zügel,

„und rasch hinflogen die Rosse".

Es war ein furchtbares Menschengewühl auf dem Schloßhofe.Das mnß man sagen, die Berlinerinnen sind nicht neugierig. Diezartesten Mägdelein gaben mir Stöße in die Seiten, die ich noch heutefühle. Es war ein Glück, daß ich keine schwangere Frau bin. Ichquetschte mich aber ehrlich durch, und gelaugte glücklich ins Portaldes Schlosses. Der zurückdrängende Pvlizcibcamte ließ mich durch,weil ich einen schwarzen Rock trug, und weil er mir es wohl ansah,daß die Fenster meines Logis mit rvtseidcnen Gardinen behangensind. Ich konnte jetzt ganz gut die hohen Herren und Damen aus-steigen sehen, und mich amüsierten recht sehr die vornehmen Hofkleidcrund Hofgcsichter. Ersterc kann ich nicht beschreiben, weil ich zu wenigSchncidcrgenic bin, letztere will ich nicht beschreiben, aus stadtvogtci-lichen Gründen. Zwei hübsche Berlinerinnen, die neben mir standen,bewunderten mit Enthusiasmus die schonen Diamanten und Gold-stickcreien und Blumen und Gaze und Atlasse und laugen Schleppenund Frisuren. Ich hingegen bewunderte noch mehr die schönen Augendieser schönen Bewnnderinucn, nnd wurde etwas ärgerlich, als mirvon hinten jemand freundschaftlich auf die Achsel schlug, und mirdas rotbäckige Gesichtlcin des Kammermusici entgegeulcuchtcte. Erwar in ganz besonderer Bewegung nnd hüpfte wie ein Laubfrosch.«Lureissims/ quäkte er, „sehen Sie dort die schöne Komtesse?Cyprcsscuwuchs, Hhacinthcnlockcn, der Mund ist Rost und Nachtigallzu gleicher Zeit, die ganze Frau ist eine Blume, und wie eine armeBlume, die zwischen zwei Blättern Löschpapier gepreßt wird, steht sieda zwischen ihren grauen Tanten. Der Herr Gemahl, der solcheBlumen statt Disteln verzehrt, um uns glauben zu machen, er seikein Esel, mußte heute zu Hause bleiben, hat den Schnupfen, liegtauf dem Sofa, ich habe ihn unterhalten müssen, wir schwatzten zweiStunden von der neuen Liturgie, und die Zunge ist mir ordentlichdünner geworden durch daS viele Schwatzen, und die Lippen thunmir weh vor lauter Lächeln" — Bei diesen Worten zog sich um dieMundwinkel des Kammermusici ein sauerhöfliches Lächeln, das er mitdem feinen Zünglein wieder fvrtlecktc, und plötzlich rief er: „DieLiturgie! die Liturgie! sie wird auf den Flügeln des roten Adlersdritter Klasse von Kirchturm zu Kirchturm fliegen, g'usgn'Ä, in toneeis Hobes Dums! Doch laßt uns etwas Vernünftiges sprechen —betrachten Sie die beiden geputzten Herren, die eben vorgefahren —