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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
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161
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Briefe aus Berlin. 161

zweitens und hauptsächlich, weil die, welche in Berlin ain amüsantestensind, oft in der Provinz langweilig und läppisch klingen, lim deslieben Himmels willen, was interessiert es die Damen in Dülmen,wenn ich erzähle, daß jene Tänzerin jetzt, im Dualis sprechen könnte,und jener Lieutenant auffallend falsche Waden und Lenden trägt?Was kümmert's diese Damen, ob ich in jener Tänzerin eine oder zweiPersonen annehme, und ob ich jenen Lieutenant aus zwei DrittelWatte und ein Drittel Fleisch, oder aus zwei Drittel Fleisch und einDrittel Watte bestehen lasse? Was soll man endlich Notizen überMenschen schreiben, von denen man gar keine Notiz nehmen sollte?

Wie man diesen Winter hier lebte, läßt sich von selbst erraten.Das bedarf keiner besonderen Schilderung, da Winteruntcrhaltnngenin jeder Residenz dieselben sind. Oper, Theater, Konzerte, Asscmblecn,Bälle, Thces (sowohl clausuni als insätsaut), kleine Maskeraden,Liebhaberei-Komödien, große Redouten u. s. w. Das sind wohlunsere vorzüglichsten Abendunterhaltnngen im Winter. Es ist hierungemein viel geselliges Leben, aber es ist in lauter Fetzen zerrissen.Es ist ein Nebeneinander vieler kleiner Kreise, die sich immer mehrzusammenziehen, als auszubreiten suchen. Man betrachte nur dieverschiedenen Bälle hier; man sollte glauben, Berlin bestände auslauter Innungen. Der Hof und die Minister, daS diplomatischeKorps, die Civilbeamten, die Kaufleute, die Offiziere :c. :e., allegeben sie eigene Bälle, worauf nur ein zu ihrem Kreise gehörigesPersonal erscheint. Bei einigen Ministern und Gesandten sind dieAssembleen eigentlich große Thees, die an bestimmten Tagen in derWoche gegeben werden, und woraus sich durch einen mehr oder mindergroßen Zusammenfluß von Gästen ein wirklicher Ball entwickelt.Alle Bälle der vornehmen Klasse streben mit mehr oder minderemGlücke, den Hosbällen oder fürstlichen Bällen ähnlich zu sein. Ansletzteren herrscht jetzt fast im ganzen gebildeten Europa derselbe Ton,oder vielmehr, sie sind den Pariser Bällen nachgebildet. Folglichhaben unsere hiesigen Bälle nichts Charakteristisches; wie verwunderliches auch oft aussehen mag, wenn vielleicht ein von seiner Gage leben-der Sekondclieutenant und ein mit Läppchen und Geflitter mosaik-artig aufgeputztes Kommißbrot-Fräulein sich auf solchen Bällen inentsetzlich vornehmen Formen bewegen, und die rührend kümmerlichenGesichter puppenspielmttßig kontrastieren mit dem augeschnallten, steifenHofkvthurn.

Einen einzigen, allen Ständen gemeinsamen Ball giebt es hierseit einiger Zeit, nämlich die SubskriptivnSbälle, oder die scherzhaft„unmaskierte Maskeraden" genannten Bälle im Konzertsaale desneuen Schauspielhauses. Der König und der Hof beehren dieselbenmit ihrer Gegenwart, letzterer eröffnet sie gewöhnlich, und für eingeringes Entree kann jeder anständige Mensch daran teilnehmen.

Heiue'S Werke. V. Vi>. 11