162 Briefe aus Berlin.
Wer diese Bttlle und Hoffcstlichkeiten spricht sehr schön die gcist- undgemütreiche Baronin Karoline Fvuqus in ihren Briefen über Berlin,die ich wegen der Tiefe der Anschannng nicht genug empfehlen kann.Dieses Jahr fielen die Subskriptionsbälle nicht so glänzend aus, wievoriges Jahr, da sie damals noch den Reiz der Neuheit hatten. DieBalle der großen Staatsdcnmten hingegen waren diesen Winter be-sonders brillant. Meine Wohnung liegt zwischen lauter Fürsten- undMinisterhotels, und ich habe deshalb oft des Abends nicht arbeitenkönnen vor all dem Wagengerassel und Pferdcgetrainpel und Lärmen.Da war zuweilen die ganze Straße gesperrt von lauter Equipagen;die unzähligen Laternchen der Wagen beleuchteten die galonnicrtenRotröckc, die rufend und fluchend dazwischen herumliefen, und ausden Bcl-Etagefenstern des Hotels, wo die Musik rauschte, gössen kry-stallcnc Kronleuchter ihr freudiges Brillantlicht.
Wenig Schnee und folglich auch fast gar kein Schlittengeklingelund Peitschcngeknall hatten wir dieses Jahr. Wie in allen großenprotestantischen Städten, spielt hier Weihnachten die Hauptrolle inder großen Winterkomödic. Schon eine Woche vorher ist alles be-schäftigt mit Einkauf von Weihnachtsgeschenken. Alle Modemagazineund Bijouterie- und Qninkaillerie-Handlungen haben ihre schönstenArtikel — wie unsere Stutzer ihre gelehrten Kenntnisse — leuchtendausgestellt; ans dem Schloßplätze stehen eine Menge hölzerner Budenmit Putz-, Haushaltungs- und Spielsachen; und die beweglichen Ber-linerinnen flattern wie Schmetterlinge von Laden zu Laden, undkaufen, und schwatzen, und äugeln, und zeigen ihren Geschmack, undzeigen sich selber den lauschenden Anbetern. Aber des Abends gehtder Spaß erst recht los; dann sieht man unsere Holden oft mit derganzen rcspcktiven Familie, mit Vater, Mutter, Tante, Schwesterchenund Brüderchen, von einem Konditorlnden nach dem andern wall-fahrten, als wären es Passionsstationcn. Dort zählen die liebenLeutchen ihre zwei Cvurantgrvschen Entrcc, und besehen sich von s-rnorsdie „Ausstellung", eine Menge Zucker- oder Dragee-Puppen, die,harmonisch nebeneinander aufgestellt, rings beleuchtet und von vierperspektivisch bemalten Wänden eingepfercht, ein hübsches Gemäldebilden. Der Hauptwitz ist nun, daß diese Znckerpüppchcn zuweilenwirkliche, allgemein bekannte Personen vorstellen.
Ich habe eine Menge dieser Konditorladcn mit durchgewandert,da ich nichts Ergötzlicheres kenne, als unbemerkt zuzuschauen, wie sichdie Berlinerinnen freuen, wie diese gefühlvollen Busen vor Entzückenstürmisch wallen, und wie diese naiven Seelen himmelhoch aufjauchzen:„Ne, des ist schene!" Bei Fuchs waren in der heurigen AusstellungBilder auS „Lalla Rookh", wie man sie voriges Jahr auf dem be-kannten Hvffeste im Schlosse sah. Es war mir unmöglich, von dieserHerrlichkeit bei Fuchs etwas zu sehen, da die holden Damcnköpfchen