154 Briefe aus Berlin.
der Dickwolligcm zu den Werken von Sir Malier Scott? Denn vondiesen muß ich jetzt sprechen, weil ganz Berlin davon spricht, weilsie der „Jungfernkranz" der Lesewelt sind, weil man sie überall liest,bewundert, bekrittelt, herunterreißt und wieder liest. Von der Gräfinbis zum Nähmädchen, vom Grafen bis zum Laufjungen liest allesdie Romane des großen Schotten; besonders unsere gefühlvollenDamen. Diese legeil sich nieder mit „Waverlcy", stehen auf mit„Robin dem Roten", und haben den ganzen Tag den „Zwerg" inden Fingern. Der Roman „Kenilworth" hat gar besonders Furoregemacht. Da hier sehr wenige mit vollkommener Kenntnis des Eng-lischen gesegnet sind, so muß sich der größte Teil unserer Leserweltmit französischen und deutschen Übersetzungen behelfen. Daran fehltes auch nicht. Von dem letzten Scottschen Roman: „Der Pirat" sindvier Übersetzungen ans einmal angekündigt. Zwei davon kommenhier heraus; die der Frau von Montcnglant bei Schlesinger, und diedes Doktor Spieker bei Duncker und Hnmblot. Die dritte Übersetzungist die von Lötz in Hamburg, und die vierte wird in der Taschen-ausgabe der Gebr. Schumann in Zwickau enthalten sein. Daß esbei solchen Umständen an einiger Reibung nicht fehlen wird, ist voraus-zusehen. Frau von Hohenhausen ist jetzt mit der Übersetzung desScottschen „Jvanhoe" beschäftigt, und von der trefflichen ÜbersetzerinByrons können wir auch eine treffliche Übersetzung Scotts erwarten.Ich glaube sogar, daß diese noch vorzüglicher ausfallen wird, da indem sanften, für reine Ideale empfänglichen Gemüte der schönenFrau die frömmig heiteren, nnverzerrten Gestalten des freundlichenSchotten sich weit klarer abspiegeln werden, als die düsteren Höllen-bildcr des mürrischen, Herzkrallken Engländers. In keine schönerenund zarteren Hände konnte die schöne, zarte Rebekka geraten, unddie gefühlvolle Dichterin braucht hier nur mit dem Herzen zu übersetzen.
Auf eine ausgezeichnete Weise wurde Scotts Name kürzlich hiergefeiert. Bei einem Feste war eine glänzende Maskerade, wo diemeisten Helden der Scottschen Romane in ihrer charakteristischenÄußerlichkeit erschienen. Von dieser Festlichkeit und diesen Bildernsprach man hier acht Tage lang. Besonders trug man sich damitherum, daß der Sohn von Walter Scott, der sich just hier befindet,als schottischer Hochländer gekleidet, und, ganz wie es jenes Kostümverlangt, nacktbeinig, ohne Hosen, bloß ein Schurz tragend, das bisans die Mitte der Lenden reichte, bei diesem glänzenden Feste para-dierte. Dieser junge Mensch, ein englischer Hnsarenoffizier, wird hiersehr gefeiert und genießt hier den Ruhm seines Vaters. — Wo sinddie Söhne Schillers? Wo sind die Söhne unserer großen Dichter,die, wenn auch nicht ohne Hosen, doch vielleicht ohne Hemd herum-gehen? Wo sind unsere großen Dichter selbst? Still, still, das isteine pnrtis Iiontsuss.