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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
153
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Briefe aus Berlin. 153

schlechter Pvcten und schulmeisterte den Text. WaS mich betrifft, soamüsierte mich diese Oper ganz außerordentlich. Mich erheiterte dasbunte Märchen, das der kunstbegabte Dichter so lieblich nnd kindlichschlicht entfaltete, mich ergötzte der anmutige Kontrast vom ernstenAbendlande und dem heiteren Orient, nnd wie die verwunderlichstenBilder in loser Verknüpfung abenteuerlich dahingaukelten, regte sichin mir der Geist der blühenden Romantik. — Es ist immer einungeheurer Spektakel iu Berlin, wenn eine neue Oper gegeben wird,und hier kam noch der Umstand hinzu, daß der Musikdirektor Schneidernnd der Gcheimrat Ritter Koreff so allgemein bekannt sind. Letzterenverlieren wir bald, da er sich schon längst zu einer großen Reise insAusland vorbereitet. Das ist ein Verlust für unsere Stadt, da dieserMann sich auszeichnet durch gesellige Tugenden, angenehme Persön-lichkeit und Großartigkeit der Gesinnung.

Was man in Berlin singt, das wissen Sie jetzt, und ich kommezur Frage: Was spricht man in Berlin? — Ich habe vorsätzlich erstvom Singen gesprochen, da ich überzeugt bin, daß die Menschen erstgesungen haben, ehe sie sprechen lernten, sowie die metrische Spracheder Prosa voranging. Wirklich, ich glaube, daß Adam und Eva sichin schmelzenden Adagios Liebeserklärungen machten und in Recitntivenausschimpften. Ob Adam auch zu letzteren den Takt schlug? Wahr-scheinlich. Dieses Taktschlagen ist bei unserem Berliner Pöbel durchTradition noch geblieben, obschvn das Singen dabei außer Gebrauchkam. Wie die Kauarienvögel zwitscherten unsere Ureltcrn in denThälern Kaschemirs. Wie haben wir uns ausgebildet! Ob die Vögeleinst ebenfalls zum Sprechen gelangen werden? Die Hunde und dieSchweine sind auf gutem Wege; ihr Bellen nnd Grunzen ist einÜbergang vom Singen zum ordentlichen Sprechen. Erstere werdenreden die Sprache von Oc, die andern die Sprache von Oui. DieBären sind gegen unS übrige Deutsche in der Kultur noch sehr zurück-geblieben, nnd obschvn sie in der Tanzkunst mit uns wetteifern, soist ihr Brummen, wenn wir es mit andern deutschen Mundartenvergleichen, durchaus noch keine Sprache zu nenne». Die Esel nnddie Schafe hatten es einst schon bis zun: Sprechen gebracht, hattenihre klassische Litteratur, hielten vortreffliche Reden über die reineEselhaftigkeit im geschlossene» Hammcltnme, über die Idee einesSchafskopfs und über die Herrlichkeit des Altböckischeu. Llber wie es»ach dem Kreislauf der Dinge zu geschehen Pflegt, sie sind in derKultur wieder so tief gesunken, daß sie ihre Sprache verloren undbloß das gemütliche „J-A" und das kindlich fromme „Bäh" behielten.

Wie komme ich aber vom „J-A" der Langvhrigen und vom „Bäh"

*) Bergt, das Sonett an I. F. Koreff, im Buch der Lieder dieser Ausgabe.

Der Heransgeber.