150 Briefe ans Berlin.
bekommen. In Wien, Dresden, Hninbnrg macht er ebenfalls Furore.Diese? beweist hinlänglich, daß man unrecht hatte, zu glauben! alsob diese Oper hier nur durch die autispontinische Partei gehobenworden sei. Autispontinische Partei? Ich sehe, der Ausdruck befremdetSie. Glanben Sie nicht, diese sei eine politische. Der heftige Partei-kampf von Liberalen und Ultras, wie wir ihn in andern Haupt-städten sehen, kann bei uns nicht zum Durchbruch kommen, weil diekönigliche Macht, kräftig und parteilos schlichtend, in der Mitte steht.Aber dafür sehen wir in Berlin vst einen ergötzlicheren Pnrteikainpf,den in der Musik. Wären Sie Ende des vorigen Sommers hier ge-wesen, hätten Sie es sich in der Gegenwart veranschaulichen können,wie einst in Paris der Streit der Glnckisten und Piccinistcn ungefährausgesehen haben mag. — Aber ich sehe, ich muß hier etwas aus-führlicher von der hiesigen Oper sprechen; erstens, weil sie doch inBerlin ein Hauptgcgenstnnd der Unterhaltung ist, und zweitens, weilSie ohne nachfolgende Bemerkungen den Geist mancher Notizen garnicht fassen können. Von unseren Sängerinnen und Sängern will ichhier gar nicht sprechen. Ihre Apologien sind stereotyp in allen Berliner.Korrespondenzartikeln und Zeitungsrecensionen; täglich liest man! dieMilder-Hanptmann ist unübertrefflich, die Schulz ist vortrefflich, unddie Seidler ist trefflich. Genug, es ist unbestritten, daß man dieOper hier auf eine erstaunliche Kunsthöhe gebracht hat, und daß siekeiner andern deutschen Oper nachzustehen braucht. Ob dieses durchdie emsige Wirksamkeit des verstorbenen Webers geschehen ist, oderob Ritter Spontini, nach dem Ausspruch seiner Anhänger, wie mitdem Schlag einer Zauberrute alle diese Herrlichkeit ins Leben hervor-gerufen habe, wage ich sehr zu bezweifeln. Ich wage sogar zu glauben,daß die Leitung des großen Ritters auf einige Teile der Oper höchstnachteilig gewirkt habe. Aber ich behaupte durchaus, daß seit dervölligen Trennung der Oper vom Schauspiele und Spontinis unum-schränkter Beherrschung derselben diese täglich mehr Schaden erleidenmuß durch die natürliche Vorliebe des großen Ritters für seine eigenengroßen Produkte und die Produkte verwandter oder befreundeter Genies,und durch seine ebenso natürliche Abneigung gegen die Musik solcherKomponisten, deren Geist den seinigen nicht anspricht oder dem seinigennicht huldigt, oder gar — lrorribils clioim — mit dem seinigen wetteifert.
Ich bin zu sehr Laie im Gebiete der Tonkunst, als daß ich meineigenes Urteil über den Wert der spontinischen Kompositionen aus-sprechen dürste, und alles, was ich hier sage, sind bloß fremde Stimmen,die im Gewoge des Tagesgesprächs besonders hörbar sind.
„Spontini ist der größte aller lebenden Komponisten. Er istein musikalischer Michel Angelo. Er hat in der Musik neue Bahnengebrochen. Er hat ausgeführt, was Gluck nur geahnt. Er ist eingroßer Mann, er ist ein Genie, er ist ein Gott!" So spricht die