Briefe aus Berlin. 149
der Anblick dieser reinen Züge hat mich besser gemacht; andächtigeGefühle dnrchschanern mich, ich höre Engelstimmcn, unsichtbare Fric-dcnspalmen fächeln, in meine Seele steigt ein großer Hymnus —da erklirrten plötzlich schnarrende Harfensaiten, und eine alte Weiber-stimme quäkt: „Wir winden dir den Jungfernkranz n. s. w."
Und nun den ganzen Tag verläßt mich nicht das vermaledeiteLied. Die schönsten Momente verbittert es mir. Sogar wenn ichbei Tische sitze, wird es mir vom Sänger Hcinsins als Dessert vor-gcdudclt. Den ganzen Nachmittag werde ich mit „veilchenblauerSeide" gewürgt. Dort wird der „Jungfernkranz" von einem Lahmenabgevrgelt, hier wird er von einem Blinden heruntergefiedelt. AmAbend geht der Spuk erst recht los. Das ist ein Flöten und einGröhlcn und ein Fistulicren und ein Gurgeln, und immer die alteMelodie. Das Kasparlied und der Jägerchor wird wohl dann undwann von einem illuminierten Studenten oder Fähnrich zur Ab-wechselung in das Gesumme hincingebrnllt, aber der „Jungfernkranz"ist permanent; wenn der eine ihn beendigt hat, fängt ihn der anderewieder von vorn an; aus allen Häusern klingt er mir entgegen;jeder pfeift ihn mit eigenen Variationen; ja, ich glaube fast, die Hundeauf der Straße bellen ihn.
Wie ein zu Tode gehetzter Rchbvck lege ich abends mein Hauptans den Schoß der schönsten Borussin; sie streichelt mir zärtlich dasborstige Haar, lispelt mir ins Ohr: „Ich liebe dir, und deine Laivisewird dich noch immer jut sind", und sie streichelt und hätschelt solange, bis sie glaubt, daß ich am Einschlummern sei, und sie ergreiftleise die „Katharre" und spielt und singt die „Kravatte" ans Tankred:„Nach so viel Leiden", und ich ruhe aus nach so viel Leiden, undliebe Bilder und Töne umgaukeln mich, — da weckt's mich wiedergewaltsam ans meinen Träumen, und die Unglückselige singt: „Wirwinden dir den Jnngfernkranz —"
In wahnsinniger Verzweiflung reiße ich mich los aus der lieb-lichsten Umarmung, eile die enge Treppe hinunter, fliege wie einSturmwind nach Hanse, werfe mich knirschend ins Bett, höre nochdie alte Köchin mit ihrem Jungfcrnkranze hernmtrippeln, und hüllemich tiefer in die Decke.
Sie begreifen jetzt, mein Lieber, warum ich Sie einen glücklichenMann nannte, wenn Sic jenes Lied noch nicht gehört haben. Dochglauben Sie nicht, daß die Melodie desselben wirklich schlecht sei. ImGegenteil, sie hat eben durch ihre Vortrefflichkeit jene Popularität er-langt. Naio toujcmrs xsrclrix! Sie verstehen mich. Der ganze„Freischütz" ist vortrefflich, und verdient gewiß jenes Interesse, womiter jetzt in ganz Deutschland aufgenommen wird. Hier ist er jetztvielleicht schon zum dreißigsten Male gegeben, und noch immer wirdes erstaunlich schwer, zu einer Vorstellung desselben gute Billette zu