146 Briefe ans Berlin.
drehen Pflegte, einen Spiegel beständig in der Tasche trug, und michLS Stunden des Tages mit dem Knüpfen der Halsbinde beschäftigte.Denken Sie auch nicht, daß vielleicht Glanbcnsskrupcl mein zartesGemüt quälend beunruhigten; ich glaube jetzt nur noch an den pythn-gorttischen Lehrsatz und ans königlich preußische Landrccht. Nein,eine weit vernünftigere Ursache bewirkt meine Betrübnis: mein köst-lichster Freund, der Liebenswürdigste der Sterblichen, Engen v. B.,ist vorgestern abgereist! Das war der einzigste Mensch, in dessenGesellschaft ich mich nicht langweilte, der einzige, dessen originelleWitze mich zur Lebcnslnstigkeit aufzuheitern vermochten, und in dessensüßen, edlen Gesichtszügen ich deutlich sehen konnte, wie einst meineSeele aussah, als ich noch ein schönes reines Blumenlebcn führteund mich noch nicht befleckt hatte mit dem Haß und mit der Lüge.
Doch Schmerz beiseite; ich muß jetzt davon sprechen, was dieLeute singen und sagen bei uns an der Spree. Was sie Mügelnund was sie züngeln, was sie kichern und was sie klatschen, allessollen Sie hören, mein Lieber.
Boucher, der längst sein aller — aller — allerletztes Konzertgegeben, und jetzt vielleicht Warschau oder Petersburg mit seine»Kunststücken ans der Violine entzückt, hat wirklich recht, wenn erBerlin In enpitnls eis In inusicins nennt. Es ist hier den ganzenWinter hindurch ein Singen und Klingen gewesen, daß einem fastHören und Sehen vergeht. Ein Konzert trat dem andern auf die Ferse.
Wer nennt die Fiedler, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammenkamen?
Selbst von Hispanien kamen sie,
Und spielten ans dem SchangcrüsteGar manche schlechte Melodie.
Der Spanier war Escudcro, ein Schüler Baillots, ein wackererVi olinspiclcr, jung, blühend, hübsch, und dennoch kein Protege derDamen. Ein ominöses Gerücht ging ihm voran, als habe das italie-nische Messer ihn unfähig gemacht, dein schönen Geschlechts gefährlichzu sein. Ich will Sic nicht ermüden mit dem Aufzählen aller jenermusikalischen Abcndunterhaltnngen, die uns diesen Winter entzücktenund langweilten. Ich will nur erwähnen, daß das Konzert derSeidler drückend voll war, und daß wir jetzt auf Drvncts Konzertgespannt sind, weil der junge Mendelssohn darin zum ersten Maleöffentlich spielen wird. —
Haben Sie noch nicht Maria von Webers „Freischütz" gehört?Nein? Unglücklicher Mann! Aber haben Sie nicht wenigstens anSdieser Oper das „Lied der Brautjungfern" oder kurzweg den „Jungfern-kranz" gehört? Nein? Glücklicher Mann!