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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
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145
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Briefe aus Berlin. 145

Zweiter Brief.

Berlin, den 22. März 1822.»)

Ihr sehr wertes Schreiben vom 2. Februar habe ich richtig erhalte»,und ersah daraus mit Vergnügen, daß mein erster Brief Ihren Bei-fall hat. Ihr leise angedeuteter Wunsch, bestimmte Persönlichkeitennicht zu sehr hervortreten zu lassen, soll in etwa erfüllt werden. Esist wahr, man kann mich leicht mißverstehen. Die Leute betrachtennicht das Gemälde, das ich leicht hinskizziere, sondern die Figürchcn,die ich hinein gezeichnet, um es zu beleben, und glauben vielleichtgar, daß es mir um diese Figürchcn besonders zu thun war. Aberman kann auch Gemälde ohne Figuren malen, so wie man Suppeohne Salz essen kann. Man kann verblümt sprechen, wie unsereZeitungsschreiber. Wenn sie von einer großen norddeutschen Machtreden, so weiß jeder, daß sie Preußen meinen. Das finde ich lächerlich.Es kommt mir vor, als wenn die Masken im Redoutensaale ohneGesichtslarven herumgingen. Wenn ich von einem großen nord-deutschen Juristen spreche, der das schwarze Haar so lang als möglichvon der Schulter herabwallen läßt, mit frommen Liebesaugcn genHimmel schaut, einem Christusbilde ähnlich sehen mochte, übrigenseinen französischen Namen trägt, von französischer Abstammung ist,und doch gar gewaltig deutsch thut, so wissen die Leute, wen ich meine.Ich werde alles bei seinem Namen nennen; ich denke darüber wieBoilean. Ich werde auch manche Persönlichkeit schildern: ich kümmeremich wenig um den Tadel jener Leutchen, die sich im Lehnstnhle derKonvenienz-Korrespondcnz behaglich schaukeln, und jederzeit liebreichermahnen: „Lobt uns, aber sagt nicht, wie wir aussehen."

Ich habe es längst gewußt, daß eine Stadt wie ein junges Mäd-chen ist, und ihr holdes Angesicht gern wieder sieht im Spiegel fremderKorrespondenz. Aber ich hätte nie gedacht, daß Berlin bei einemsolchen Bespiegeln sich wie ein altes Weib, wie eine echte Klatschliesegebärden würde. Ich machte bei dieser Gelegenheit die Bemerkung:Berlin ist ein großes Krähwinkel.

Ich bin heute sehr verdrießlich, mürrisch, ärgerlich, reizbar; derMißmut hat der Phantasie den Hemmschuh angelegt, und sämtlicheWitze tragen schwarze Trauerflore. Glanben Sie nicht, daß etwaeine Weibernntreue die Ursache sei. Ich liebe die Weiber noch immer;als ich in Güttingen von alleni weiblichen Umgänge abgeschlossen war,schaffte ich mir wenigstens eine Katze an; aber weibliche Untreuekönnte nur noch ans meine Lachmuskeln wirken. Glanben Sie nicht,daß etwa meine Eitelkeit schmerzlich beleidigt worden sei; die Zeit istvorbei, wo ich des Abends meine Haare mühsam in Papilloten zu

*) Em Teil dieses Briefes ist bei dem späteren Abdruck im zweiten Bandeder „Neisebilder", 1. Aufl., vom 1. März 1822 datiert. Der Heransgeber.Heine's Werke. V. Bd.