Briefe ans Berlin. 139
eine Viertelstunde darauf. Da er ein Jude war, wurde er von seinenakademischen Freunden nach dem jüdischen Gottesacker gebracht. Febus,ebenfalls ein Jude, hat die Flucht ergriffen, und >—
Aber ich sehe, Sie hören schon nicht mehr, was ich erzähle, undstaunen die Linden an. Ja, das sind die berühmten Linden, wovonSie so viel gehört haben. Mich dnrchschanert's, wenn ich denke, aufdieser Stelle hat vielleicht Lessing gestanden, unter diesen Bäumenwar der Licblingsspazicrgang so vieler großer Männer, die in Berlingelebt; hier ging der große Fritz, hier wandelte — er! Aber ist dieGegenwart nicht auch herrlich? Es ist just zwölf, und die Spazier-gangszcit der schönen Welt. Die geputzte Menge treibt sich die Lindenans und ab. Sehen Sie dort den Elegant mit zwölf bunten Westen?Hören Sie die tiefsinnigen Bemerkungen, die er seiner Donna zmlispelt? Riechen Sie die köstlichen Pomaden und Essenzen, womit erparfümiert ist? Er fixiert Sie mit der Lorgnette, lächelt und kräuseltsich die Haare. Aber schauen Sie die schönen Damen! Welche Ge-stalten! Ich werde poetisch!
Ja, Freund, hier unter den LindenKannst du dein Herz erbann,
Hier kannst du beisammen findenDie allerschönsten Fraun.
Sie blühn so hold und minnigIm farbigen Seidengewnnd;
Ein Dichter hat sie sinnigWandelnde Blumen genannt.
Welch schöne Federhnte!
Welch schöne Türkcnshawls!
Welch schöne Wangenblüte!
Welch schöner Schwanenhals!
Nein, diese dort ist ein wandelndes Paradies, ein wandelnderHimmel, eine wandelnde Seligkeit, lind diesen Schöps mit demSchnauzbarte sieht sie so zärtlich an! Der Kerl gehört nicht zu denLeuten, die das Pulver erfunden haben, sondern zu denen, die cSgebrauchen, d. h. er ist Militär. Sie wundern sich, daß alle Männerhier plötzlich stehen bleiben, mit der Hand in die Hosentasche greifenund in die Höhe schauen? Mein Lieber, wir stehen just vor derAkademieuhr, die am richtigsten geht von allen Uhren Berlins, undjeder Vorübergehende verfehlt nicht, die scinige danach zu richten.Es ist ein possierlicher Anblick, wenn man nicht weiß, daß dort eineUhr steht. In diesem Gebäude ist auch die Singakademie. EinBittet kann ich Ihnen nicht verschaffen; der Vorsteher derselben,Professor Zelter, soll bei solchen Gelegenheiten nicht sonderlich zuvor-kommend sein. Doch betrachten Sie die kleine Brünette, die Ihnen