Briefe ans Berlin.
meisten düster und unfreundlich, und, ums das schlimmste ist, beivielen gehen die Fenster nach der Straße, und da kann man schräg-über das Opernhaus bemerken. Wie muß der arme Bursche aufglühenden Kvhlen sitzen, wenn die ledernen, und zwar nicht saffian-vdcr marvgninledernen, sondern schweinsledernen Witze eines lang-weiligen Dementen ihm in die Ohren dröhnen, und seine Augen unter-dessen auf der Straße schweifen und sich ergötzen an dem pittoreskenSchauspiel der leuchtenden Equipagen, der vorüberziehenden Soldaten,der dnhinhüpfcnden Nymphen und der bunten Mcnschenwoge, die sichnach dem Opernhansc wälzt. Wie müssen dem armen Burschen die16 Groschen in der Tasche brennen, wenn er denkt: Diese glück-lichen Menschen sehen gleich die Eunike als Seraphim, oder die Milderals Iphigenien .üpollini st Nüsts« steht ans dem Opernhansc,und der Binsensohn sollte draußen bleiben? Aber sehen Sic, daS Kolle-gium ist eben ausgegangen, und ein Schwärm Studenten schlendertnach den Linden. „Gehen denn so viele Philister ins Kollegium?"fragen Sie. Still, still, das sind keine Philister. Der hohe Hut n 1aöolivar und der llberrock a I'ümAlatss machen noch lange nicht denPhilister. Ebensowenig wie die rote Mütze und der Flausch denBurschen macht. Ganz im Kostüm des letzteren geht hier manchersentimentale Barbiergeselle, mancher ehrgeizige Laufjunge und mancherhochherzige Schneider. Es ist dem anständigen Burschen zu verzeihen,wenn er mit solchen Herren nicht gern verwechselt sein möchte. Knr-länder sind wenige hier. Desto mehr Polen, über 76, die sich meistensburschikose tragen. Diese haben obige Verwechslung nicht zu be-fürchten. Man sieht's diesen Gesichtern gleich an, daß keine Schneidcr-sccle unterm Flausche sitzt. Viele dieser Sarmaten könnten denSöhnen Hermanns und Thusneldas als Muster von Liebenswürdigkeitund cdclm Betragen dienen. Es ist wahr. Wenn man so viele Herr-lichkeiten bei Fremden sieht, gehört wirklich eine ungeheure DosisPatriotismus dazu, sich noch immer einzubilden: das Vortrefflichsteund Köstlichste, was die Erde trägt, sei ein — Deutscher! Zusammenleben ist wenig unter den hiesigen Studierenden. Die Landsmann-schaften sind aufgehoben. Die Verbindung, die unter dem Namen„Arminia" aus alten Anhängern der Burschenschaft bestand, sollebenfalls aufgelöst sein. Wenige Duelle fallen jetzt vor. Ein Duellist kürzlich sehr unglücklich abgelaufen. Zwei Mediziner, Lübschützund Felms, gerieten im Kollegium der Semiotik in einen unbedeuten-den Streit, da beide gleichen Anspruch machten an den Sitz Nr. 4.Sie wußten nicht, daß es in diesem Auditorium zwei mit Nr. 4 be-zeichnete Sitze gab; und beide hatten diese Nummer vom Professorerhalten. „Dummer Junge!" rief der eine, und der leichte Wort-wechsel war geendigt. Sie schlugen sich den andern Tag, und Lieb-schütz rannte sich den Schläger seines Gegners in den Leib. Er starb