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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
136
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13ö Briefe ans Berlin.

durchaus nicht idealisiert, wie die Helden auf dein Wilhclmsplatze.Diese will ich Ihnen nächstens zeigen, es sind Kcith, Zielen, Seidlitz,Schwerin und Winterfeld, beide letztere in römischem Kostüm miteiner Allongcpcrücke. Hier stehen wir just vor der Domkirche, dieganz kürzlich von außen neu verziert wurde und auf beiden Seitendes großen Turms zwei neue Türmchen erhielt. Der große, obengerundete Turm ist nicht übel. Aber die beiden jungen Türmchcnmachen eine höchst lächerliche Figur. Sehen aus wie Vogclkörbc.Man erzählt auch, der große Philvlog W. sei vorigen Sommer mitdem hier durchreisenden Orientalisten H. spazieren gegangen, und alsletzterer, nach dem Dome zeigend, fragte:Was bedeuten denn diebeiden Bogelkörbe da oben?" habe der gelehrte Witzbold geantwortet:Hier werden Dompfaffen abgerichtet." In zwei Nischen deS Domssollen die Statuen von Luther und Melanchthon aufgestellt werden.Wollen wir in den Dom hineingehen, um dort das wunderschöneBild von Begaste zu bewundern? Sie können sich dort auch erbauenan dem Prediger Theremin. Doch laßt uns draußen bleiben, es wirdauf die Paulusianer gestichelt. Das macht mir keinen Spaß. Be-trachten Sie lieber gleich rechts neben dem Dom die vielbewegteMenschcnmasse, die sich in einem viereckigen, eisennmgittcrtcn Platzherumtreibt. Das ist die Börse. Dort schachern die Bekenner desalten und deS neuen Testaments. Wir wollen ihnen nicht zu nahekommen. O Gott, welche Gesichter! Habsucht in jeder Muskel. Wennsie die Mäulcr öffnen, glaub" ich mich angeschrieen:Gieb mir alldein Geld!" Mögen schon viel zusammengescharrt haben. Die Reichstensind gewiß die, auf deren fahlen Gesichtern die Unzufriedenheit undder Mißmut am tiefsten eingeprägt liegt. Wie viel glücklicher ist dochmancher arme Teufel, der nicht weiß, ob ein Louisdor rund odereckig ist. Mit Recht ist hier der Kaufmann wenig geachtet. Destomehr sind es die Herren dort mit den großen Fedcrhüten und denrot ausgeschlagen«! Röcken. Denn der Lustgarten ist auch der Platz,wo täglich die Parole ausgegeben und die Wachtparade gemustertwird. Ich bin zwar kein sonderlicher Freund vom Militärwesen, dochmuß ich gestchen, es ist mir immer ein freudiger Anblick, wenn ichim Lustgarten die preußischen Offiziere zusammenstehen sehe. Schöne,kräftige, rüstige, lebenslustige Menschen. Zwar hier und da siehtman ein aufgeblasenes dummstolzes Aristokratengesicht auS der Mengehervorglotzcn. Doch findet man beim größeren Teile der hiesigenOffiziere, besonders bei den jüngeren, eine Bescheidenheit und An-spruchslosigkeit, die man um so mehr bewundern muß, da, wie gesagt,der Militärstand der angesehenste in Berlin ist. Freilich, der ehe-malige schroffe Kastengeist desselben wurde schon dadurch sehr ge-mildert, daß jeder Preuße wenigstens ein Jahr Soldat sein muß,und vom Sohn des Königs bis zum Sohu des Schuhflickers keiner