Ideen oder das Bnch Le Grand. 129
die schöne Hand der Freundin, und drückte sie an meine Augen, bisdas Klingen in meiner Seele vorüber war — und dann sprang ichauf und lachte, und der Dachs bellte, und die Stirne des altenGenerals furchte sich ernster, und ich setzte mich wieder und ergriffwieder die schöne Hand und küßte sie und erzählte von der kleinenVeronika.
Kapitel xvn.
Madame, Sie wünschen, daß ich erzähle, wie die kleine Veronikaausgesehen hat. Aber ich will nicht. Sie, Madame, können nichtgezwungen werden, weiter zu lesen, als Sie wollen, und ich habewiederum das Recht, daß ich nur dasjenige zu schreiben brauche, wasich will. Ich will aber jetzt erzählen, wie die schöne Hand aussah,die ich im vorigen Kapitel geküßt habe.
Zuvörderst muß ich eingestehen: — ich war nicht wert, diese Handzu küssen. Es war eine schöne Hand, so zart, durchsichtig, glänzend,süß, duftig, sanft, lieblich — wahrhaftig, ich muß nach der Apothekeschicken, um mir für zwölf Groschen Beiwörter kommen zu lassen.
Auf dem Mittelfinger saß ein Ring mit einer Perle — ich sahnie eine Perle, die eine kläglichere Rolle spielte — auf dem Gold-finger trug sie einen Ring mit einer blauen Antike — ich habestundenlang Archäologie daran studiert — auf dem Zeigefinger trugsie einen Diamant — es war ein Talisman; solange ich ihn sah,war ich glücklich, denn wo er war, war ja auch der Finger nebstseinen vier Kollegen — und mit allen fünf Fingern schlug sie miroft auf den Mund. Seitdem ich solchermaßen manipuliert worden,glaube ich steif und fest an den Magnetismus. Aber sie schlug nichthart, und wenn sie schlug, hatte ich es immer verdient durch irgendeine gottlose Redensart, und wenn sie mich geschlagen hatte, so be-reute sie es gleich und nahm einen Kuchen, brach ihn entzwei, undgab mir die eine und dem braunen Dachse die andere Hälfte, undlächelte dann und sprach: „Ihr beide habt keine Religion und werdetnicht selig, und man muß euch auf dieser Welt mit Kuchen füttern,da für euch im Himmel kein Tisch gedeckt wird." So halb und halbhatte sie recht, ich war damals sehr irreligiös und las den ThomasPaine, das Lzcobsrns eis In nntmrs, den westfälischen Anzeiger undden Schleicrmacher, und ließ mir den Bart und den Verstand wachsen,und wollte unter die Rationalisten gehen. Aber wenn mir die schöneHand über die Stirne fuhr, blieb mir der Verstand stehen, und süßesTräumen erfüllte mich, und ich glaubte wieder fromme Marienlied-chen zu hören, und ich dachte an die kleine Veronika.
Madame, Sie können sich kaum vorstellen, wie hübsch die kleineVeronika aussah, als sie in dem kleinen Särglein lag. Die brennen-den Kerzen, die rund umher standen, warfen ihren Schimmer ansHeine'S Werke. V. Vd. 9